Meine Schulzeit


Wie weit reichen Erinnerungen zurück ? ich habe oft darüber nachgedacht. Für Menschen, die ihre ganze Jugend an einem Ort verbracht haben, muß es sehr schwer sein, ihre Erinnerungen zeitlich genau einzuordnen. Ihnen habe ich einiges voraus. Da wir in meiner Kindheit und Jugend Wohnort und Wohnung sehr häufig wechselten, kann ich Erinnerungen , die mit einem bestimmten Ort zusammenhängen, zeitlich genau eingrenzen. So bin ich in der Lage ziemlich präzise zu sagen, wie alt ich war, als dieses oder jenes geschehen ist.

Dies erste ist ein Erlebnis, bei dem ich nicht genau weiß, wieviel eigene Erinnerung und wieviel davon Erzähltes ist: Unser Haus war 1 1/2 geschossig mit einem Stallanbau. So sahen alle Häuser in dieser Straße aus. Die Nachbarn gegenüber hatten an die Stallwand einen Komposthaufen o.ä. angeschüttet, der bis beinahe ans Dach reichte. Eines Tages, es muß im Sommer oder Herbst 1921 gewesen sein, da war ich gerade einnmal zweieinhalb Jahre alt, hatte Mama mich verloren. Als sie mich schließlich entdeckte, saß ich hoch oben auf dem Nachbarhaus, war also über den Komposthaufen aufs Stalldach und von da weiter aufs Hausdach geklettert und saß nun da . Mama ist vor Schreck fast das Herz stehengeblieben . Zum Glück waren gerade Handwerker in der Nähe, und einer von ihnen hat mich dann aus der luftigen Höhe wieder heruntergeholt.

Zu dieser Zeit besuchte Papa die Oberklasse der Bergschule in Bochum um die Befähigung für eine leitende Stellung im Bergbau zu erlangen. Er arbeitete neben der Schule auf der Zeche " Prinz Regent " in Bochum,wohnte auch dort . So war Mama die Woche hindurch mit uns Kindern allein in Datteln. Nach erfolgreichem Abschluß der Oberklasse erhielt Papa dann eine Anstellung als Fahrsteiger auf der Schachtanlage "Schürbank und Charlottenburg " in Aplerbeck " später Dortmund-Aplerbeck". Da er lange genug ohne seine Familie gewesen war, holte er uns sofort nach , obwohl das Haus, in das wir einziehen sollten, noch nicht ganz fertig war. Behelfsmäßig wohnten wir dann in der ersten Etage eines Zechenhauses, in dessen Erdgeschoß Karl Ehring mit Frau und drei Kindern wohnten. Das Haus lag etwas zurück , der kleine Vorgarten war zur Straße hin mit einem kleinen Holztörchen verschlossen , ein Plattenweg führte von da zum Eingang, drei Stufen, dann kam ein kleiner Podest, links ein Fenster, geradeaus Mauerwerk und rechts dann die Haustür. Mit den Bewohnern des Erdgeschosses, den Eheleuten Ehring mit den Kindern Elfriede, Else und Hermine verband uns schon bald eine Freundschaft, zumal die Kinder - zumindest die beiden jüngeren- mit meinem Bruder und mir gleichaltrig waren. Diese Freundschaft hat bis ans Lebensende meiner Eltern gehalten.

Doch nun zu einer Erinnerung , bei der ich ganz klar sagen kann:" Es ist meine eigene." Das war an einem Sonntag morgen im Spätherbst 1921. Mein Vater wollte mit mir zum Neubau gehen. Das war ein beliebtes Ziel, warteten wir doch sehnlichst darauf, umziehen zu können und aus der Enge der Behelfswohnung herauszukommen . An der Haustür treffen wir auf Frau Ehring. Papa bleibt auf dem Podest stehen, um ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Ungeduldig laufe ich schon mal zu dem Törchen an der Straße, öffne es, komme zurückgelaufen, stolpere über die erste Stufe und schlage mit der Stirn auf die schafe Kante der dritten Stufe auf. Blutüberströmt werde ich nach oben getragen und habe meinen Eltern später ganz genau erzählt, wie die Treppe nach oben verlief, worüber sie sich immer sehr gewundert haben, weil sie nicht glauben konnten, daß ich mich an Erlebnisse mit höchsten 2 3/4 Jahren noch so genau erinnern könnte. An diesen Sturz erinnert bis heute eine Narbe auf meiner Stirn, die als unveränderliches Kennzeichen in meinem Paß steht.

Ein weiteres Erlebnis gehört noch in diese Zeit: August, mein großer Bruder, 3 Jahre und 7 Monate älter als ich, mußte auf mich aufpassen. Er hatte auch, wenn Mama einkaufen ging, darauf zu achten, daß die Tür ordentlich verschlossen war und verwahrte dann auch den Haustürschlüssel. Als Spielplatz zog uns der Neubau magisch an, obwohl es uns eigentlich verboten war, dort zu spielen. Aber wir sollten doch schon bald da wohnen, also mußten wir alles erkunden.

Eines Tages, Mama war zu Einkaufen, zogen wir fünf, dreimal Ehrings und zweimal Schneider, wieder einmal dahin. Es war schon beinahe alles fertig, die Türen hatten schon Schlösser, aber noch keine Klinken. Eben noch sagt Elfriede, die Älteste : " Daß aber keiner die Türen schließt " , da fällt schon eine ins Schloß, und wir sind - natürlich im ersten Stockwerk, eingesperrt. Zuerst war das ja noch ganz lustig, aber mit der Zeit wurde es langweilig, und schließlich sogar eine Katastrophe. Mama kommt vom Einkauf zurück, findet daheim einen Boten von der Zeche, den Papa geschickt hat, um ihm Brote zu holen, da er nicht nach Hause kommen kann. Mama kann nicht ins Haus und wir sind nicht zu finden, bis sie uns schließlich im Neubau entdeckt, eingesperrt. Den Schlüssel konnten wir ja schließlich durchs Fenster werfen, aber auf unsere Befreiung mußten wir warten, bis ein Handwerker kam und uns erlöste.Meinem Bruder August war dies Unternehmen garnicht gut bekommen. Er als der " Große " bekam seine Strafe.

Doch irgendwann durften wir dann in den Neubau einziehen. Da gab es einen großen Garten hinter dem Haus, und zu unserer großen Freude zogen Ehrings an der anderen Seite des Doppelhauses ein.Hinter dem Garten war die große Aschenhalde der Zeche, doch das störte uns Kinder wenig. Wir fünf hatten nun Platz zum Spielen. Und dann kam noch das größte Erlebnis: Eines Tages brachte Papa zwei kleine Hunde mit, Geschwister, einer schwarz, einer braun, Mischlinge, die ein wenig wie Zwergpinscher aussahen. Wir bekamen den braunen und Ehrings nahmen den schwarzen. Unsere Nelly hat uns dann bis 1934 begleitet und gehört zu meinen Kindheitserinnerungen untrennbar hinzu.Mit dem Haus in Aplerbeck verbindet sich noch eine Erinnerung: Mama hatte Sagosuppe gekocht. Ich aß eigentlich alles ,was auf den Tisch kam, mehr oder weniger gern, doch immer ohne zu murren. An diesem Tag nun sagt August zu mir, als ich gerade anfangen will zu essen: " Else, weißt du was das ist ? Das sind Froscheier."Von dem Augenblick an sah ich Froscheier im Suppenteller und konnte die Suppe nicht essen. Ich saß davor und rührte sie nicht an. Mama sagt:"Es gibt nichts anderes." Trotzdem, der Teller bleibt voll."Dann eben nicht" Am Nachmittag, als die anderen Weißbrot essen, steht mein Teller wieder vor mir. Langsam quält mich der Hunger so sehr, daß ich mit Todesverachtung die " Froscheier " esse. Danach kann ich mich nicht erinnern, daß Mama je wieder Sagosuppe gekocht hätte. Die Zeit im Neubau war nur eine Episode, denn schon am 16.Oktober 1922 kam Papa als Obersteiger zur Zeche " Freie Vogel und Unverhofft " in Schüren- später Dortmund - Schüren.

Noch im Oktober zogen wir dann nach Schüren, wieder einmal in eine Haushälfte. Dies Haus und seine Umgebung waren ein Paradies für uns Kinder. Zur Straße hin war das Gründstück mit einer hohen Mauer abgeschlossen . Der Haupteingang befand sich an der Giebelseite, und im Hof war ein Stallgebäude rechtwinklig in der Mitte des Hauses angebaut, sodaß jede Familie ganz für sich war. Von der Küche, die im hinteren Teil des Hauses lag, gab es einen direkten Ausgang zum Hof. Gleich neben dieser Haustür lehnte sich eine Laube an die Hauswand. Hinter dem Hof war der " Berg ", wie wir Kinder ihn nannten. Als ich mir diesen " Berg " vor einigen Jahren noch einmal angesehen habe, war er gewaltig geschrumpft. Er war vielleich insgesamt etwa sechs bis sieben Meter hoch, hatte auf halber Höhe einen Absatz, auf dem unsere Wäschepfähle standen, und dahinter war er mit jungen Birken dicht an dicht bestanden. Unter den Birken wuchs wunderschönes Gras. Hier spielten wir alle Tage, und es gab wundervolle Spiele. Dem Haus gegenüber war eine Freifläche, und dahinter fiel das Gelände steil ab, und man schaute auf ein großes Industrieunternehmen den " Hörder Hüttenverein ".Ich versuche, das alles so genau zu beschreiben, weil nur so die nächsten Erlebnisse richtig verstanden werden können.

Doch zuerst einmal gab es in Schüren für die Famlie ein ganz einschneidendes Ereignis: Am 6. Januar 1923 wurde uns ein kleiner Bruder geboren. Mich hatte man für die Zeit der Geburt " ausgelagert ". Ich war bei meiner Lieblingstante Emma in Mengede. Da war ich besonders gern, denn Erna und Willi ihre beiden Kinder , 11 bzw.9 Jahre älter als ich , verwöhnten mich immer sehr. Doch im Januar 1923 war die Situation sehr viel anders als sonst. Am 10./11. Januar besetzten die Franzosen und Belgier das Ruhrgebiet. Schüren gehörte zum besetzten Gebiet, währen Mengede in der ersten Zeit noch unbesetzt blieb. Für mich, die es nach einigen Tagen bei Tante Emma wieder nach Hause zieht- zumal ich inzwischen weiß, daß ich ein Brüderchen hab, von dem Onkel Wilhelm, Tante Emmas Mann behauptet, daß es den Namen "Stachu" erhalten hat, womit er mich fuchsteufelswild macht -wird das ein kleines Problem. Doch schließlich klappt es ja doch, mich wieder zu meinen Eltern zu bringen, allerding zu Fuß ( etwa 20 Kilometer )da keine Verkehrsmittel fahren.

Die Ruhrbesatzung selbst erleben wir dann hautnah, denn dem Haus gegenüber steht Tag und Nacht ein französischer Posten mit Maschinengewehr, das auf das Gelände des " Hörder Hüttenvereins" gerichtet ist. Wir spielen nur noch im Hof und Garten. Doch die größte Herausforderung ist der Militärposten für unsere kleine Nelly, die doch durchaus keine Uniformen mag. Selbst nur etwa achtzehn Zentimeter hoch steht sie vom frühen Morgen bis zum Einbruch der Dunkelheit ungefähr fünf Meter von dem Posten entfernt und bellt ihn ununterbrochen an, und wenn sie abends wieder hereinkommt, ist sie vollkommen heiser.

Ich habe in dieser Zeit einen Spielgefährten, Karl-Justus Westerburg, den Sohn des Werksarztes, der nur ca. 100 Meter von uns entfernt wohnt.Wir sind gleichaltrig und kommen wunderbar miteinander aus. Stören tut unser Spiel nur oft die Tatsache, daß wir auf den 2 Jahre jüngeren Bruder Fritzchen aufpassen müssen. Unser Hauptspielplatz ist der "Berg", auf dem wir auch unsere ersten naturwissenschaftlichen Studien machen. Wir säen uns nämlich auf einem Aschenplatz ein Stück Wiese ein, und zwar zupfen wir den Grassamen von dem Gras, das so überreichlich in der Birkenschonung wächst.

Im übrigen wird das Jahr 1923 durch die rasante Geldentwertung geprägt. Papa bringt täglich seinen Lohn nach Hause und dann muß Mama ganz schnell noch einkaufen, damit es überhaupt noch Ware für das Geld gibt.Da erinnere ich mich an einen Tag, an dem Papa etwas länger auf der Zeche bleiben mußte. Als er dann schließlich Feierabend machte, war das Lohnbüro schon geschlossen. Am nächsten Morgen brachte er das Geld heim, und Mama erhielt für den Lohn eines ganzen Tages lediglich ein halbes Pfund Margarine.

An einen Sonntag erinnere ich mich noch besonders gut.Papa, der mich häufiger mit zur Zeche nahm, wenn er irgendetwas zu erledigen hatte, nahm mich bei der Hand, und als wir auf dem Zechenplatz ankamen beauftragte er einen Mann, mich festzuhalten. Er selbst aber stieg auf ein dickes Brett, das über den mehrere hundert Meter tiefen Schacht gelegt war, und ließ das Seil des Förderkorbes langsam an sich vorbeilaufen und prüfte es auf Schwachstellen. An der Festigkeit dieses Seils hing das Schicksal der Bergleute, wenn sie in dem Förderkorb in die Grube fuhren. Niemals in meiner Kindheit habe ich solch furchtbare Angst ausgestanden, wie in dieser Stunde, als nur das Brett meinen Papa vom Abgrund trennte. Wir hatten einen großen Garten, im Stall stand ein Schwein, und eine Anzahl Hühner gab es auch. Das war gut so, denn dadurch hatten wir trotz allgemeinem Mangel immer genug zu essen.Um nun auch in bezug auf das Futter für unser Viehzeug einigermaßen autark zu sein, hatten die Eltern eine großes Stück im Garten mit Roggen eingesät. Als die Zeit zur Ernte kam,besuchte uns Opa Schneider, der noch perfekt mit der Sense umgehen konnte. Da wir nicht auch sofort dreschen konnten, lagerten wir das Getreide erst einmal in der Laube. Wie lange es dort gelegen hat, weiß ich nicht genau, doch erinnere ich mich an Unmengen von Mäusen, die sich in der Laube angesiedelt hatten. Und dann wurde eines Tages gedroschen. Das war ein großes Erlebnis für uns Kinder, vor allem deshalb, weil das aufgeschichtete Stroh uns eine herrliche Möglichkeit bot, aus dem Fenster des Treppenhauses - auf halber Treppenhöhe - immer wieder hineinzuspringen. August und ich nutzten diese Möglichkeit, bis wir zum Umfallen müde waren.

Wir Kinder wurden immer dazu angehalten, im Haushalt zu helfen. In der Küche gab es einfache Holzstühle, und wenn Mama am Tisch bügelte, bekam ich die Taschentücher, die ich auf dem Stuhlsitz mit meinem Kinderbügeleisen mehr schlecht als recht glättete.Mama bügelte mit einem Satzbügeleisen. Es gab drei davon, zu denen ein Holzgriff gehörte. Zwei standen auf der Herdplatte um heiß zu werden während mit dem anderen gebügelt wurde, und auch mein kleines Eisen wurde auf der Herdplatte aufgeheizt.

Eines Tages, als Mama zum Einkaufen war, wollte ich ihr eine besondere Freude machen, holte einen Eimer, Aufnehmer und Wasser und fing an, die Küche zu wischen. Stolz betrachtete ich mein Werk, und als Mama zurückkam, lobte sie mich sehr und sagte, ich hätte es genauso gut gemacht wie Melanie. Melanie war unsere Haushaltshilfe, und ich war stolz und glücklich, und erst als ich viel später erfuhr, daß Melanie die schlechteste Kraft war, die meine Eltern je hatten, war ich nicht mehr ganz so überzeugt von der Vortrefflichkeit meiner Leistung.

Das Jahr 1924 sehe ich als ein einziges großes Spielvergnügen. Karl-Heinz, mein kleiner Bruder, fing sehr früh an zu laufen und versuchte sich zu beteiligen, was wir garnicht so gern sahen. August ging ja schon zur Schule und war für uns wirklich der " große Bruder ".So trug er auch oft Verantwortung für kleinere und größere Unfälle. Wir turnten sehr gern, und so hatte August einmal eine Bohnenstange in der Laube über Eck gelegt , um mir die Möglichkeit für Aufschwung und Kniewelle zu geben. Doch dafür war die Stange wohl doch zu schwach. Jedenfalls lag ich plötzlich mit dem Kopf zuerst auf dem Betonboden. Es ist mir nicht viel passiert. Der Schreck war wohl schlimer als alles andere. Doch August wurde dafür bestraft, er hätte es wissen müssen, meinten die Eltern. Mir tat er furchtbar leid. Er hatte doch nur mir eine Freude machen wollen.

Jeden Samstag abend gab es das große Badevergnügen! Da wurde die große Zinkbadewanne, die noch heute in meinem Keller steht, aus der Waschküche in die Küche geholt, auf dem Herd jede Menge Wasser heiß gemacht, und dann kamen wir nacheinander in die Wanne und wurden abgeschrubbt. Anschließend ging es dann sofort ins Bett.

Gern denke ich noch an die Sonntage in Schüren. In meiner Erinnerung waren es lauter Sonnentage. Mama und wir Kinder waren schon in der Küche, und dann kam Papa aus dem ersten Stock. Schon oben begann er in seinem schönen Bariton zu singen: " Das ist der Tag des Herrn " so klang es durchs Haus, und uns wurde ganz feierlich zumute. Sonntags wurden auch Ausflüge unternommen. Da wurde Brote gestrichen, Eier gekocht und alles zusammen in einen Korb gepackt, und dann gings los. Am 1. April 1925 mußte ich dann zur Schule. Karl-Justus und ich marschierten jeden Morgen gemeinsam dahin, und manches Mal holte er mich von zu Haus ab, obwohl wir dann wieder an seiner Wohnung vorbeikamen.Und auf dem Nachhauseweg packte er sich seinen Tornister auf den Rücken und den meinen auf die Brust, und so zogen wir wieder heim. Ein ganz besonderes Erlebnis war mein 6. Geburtstag, am 20.4.1925. In der Zeit waren in unserer Familie Apfelsinen eine besondere Delikatesse, die es nur an ganz besonders hohen Festen einmal gab. Und wenn , dann gab es für jeden von uns auch nur eine einzige.Für mich waren Apfelsinen- und sind es heute noch - ein ganz besonderer Leckerbissen. Das wußte Karl-Justus. An meinem Geburtstag steht er früh morgens vor der Tür, um mich zur Schule abzuholen. Und was bringt er mir als Geburtstagsgeschenk? Sechs riesengroße Apfelsinen ! So habe ich mich in meinem ganzen Leben selten über ein Geschenk gefreut, wie über diese Apfelsinen.

Als ich zur Schule kam, begann für August der Unterricht im Gymnasium. Er mußte jeden Morgen nach Dortmund zum Bismarck-Gymnasium fahren.Das bedeutete, daß die Eltern außer den 20 RM Schulgeld auch noch die Fahrtkosten zahlen mußten. Das ist ihnen oft recht schwer gefallen, und ich erinnere mich, daß Mama manchmal weinte, weil sie nicht wußte, woher sie das Schulgeld nehmen sollte, denn es mußten ja auch noch Schulbücher und Hefte gekauft werden.August lernte in der Sexta als erste Fremdsprache Latein, und ich habe damals mit ihm zusammen die ersten lateinischen Vokabeln gelernt: agricola = der Landmann, astra = die Sterne und so weiter.

Sparsam waren meine Eltern schon immer, und so brachte Mama eines Tages eine Haarschneidemaschine mit, damit wir Papa das Haar selbst schneiden konnten, um die Friseurkosten zu sparen .Er trug damals das Haar kurz geschoren. Da er täglich in die Grube fahren mußte, war das für ihn das Praktischte. Nun war also die Maschine da, und wir Kinder wollten - oder solten wir ? das weiß ich nicht mehr so genau - dem Papa das Haar schneiden. Um für uns überhaupt erreichbar zu sein, legte er sich bäuchlings auf den Küchenboden. Und dann gings los. Erst war August dran - er war ja schon fast 10 Jahre alt -Die Maschine mußte unter Zusammendrücken der Griffe über den Kopf geführt werden. Das war für unsere schwachen Hände Schwerstarbeit. August schaffte es, ihm eine Straße vom Nacken bis zur Stirn zu schneiden. Doch danach erlahmten seine Kräfte. Nun kam ich dran. Mir gelang schon wesentlich weniger, vom Ohr bis zum Scheitel hatte ich eine Schneise geschnitten, dabei aber wohl mehr Haare ausgerissen als abgeschnitten, denn Papa verzog das Gesicht oft . Karl-Heinz gab den Versuch schon nach einigen Minuten auf. Wenn Mama nicht den von uns angerichteten Schaden wieder behoben hätte, hätte Papa sich wohl nicht mehr unter Menschen sehen lassen können.

Unsere Hausgehilfin Melanie habe ich schon einmal erwähnt. Sie blieb nicht lange bei uns. Nach ihr kam Anni Bormann. An sie selbst habe ich kaum Erinnerungen, umso mehr aber an ihre Mutter: Unsere Oma Bormann!Sie war immer da, wenn wir sie brauchten, half bei jedem Umzug. Mama brauchte nur zu schreiben, und Oma Bormann kam und half. Sie gehörte seit Schüren irgendwie zur Familie, und die Verbindung zu ihr ist bis zum Krieg nie abgebrochen. Anni hatte nach Mecklenburg geheiratet, aber eine ältere Tochter wohnte in Wattenscheid, und bei ihr wohnte sie bis zu ihrem Tod. Während des Krieges habe ich sie mit meiner Mama noch einmal besucht.

Leider ging unsere Zeit in Schüren schon sehr bald zuende, denn - genau wie in den späten 60er und 70er Jahren- wurden in den 20er Jahren viele Zechen geschlossen, so auch " Freie Vogel" in Schüren im Sommer 1925. Papa ging am 15.6.1925 nach Bochum-Gerthe, wo er auf der Schachtanlage " Lothringen" der Harpener Bergwerksgesellschaft als Obersteiger eingestellt worden war. Er holte seine Familie schon sehr bald nach.


GRUNDSCHULZEIT


Zu unserer großen Freude bezogen wir in Gerthe eine Haushälfte, und zwar die rechte - während links im selben Haus unsere alten Freunde aus Aplerbeck, Ehrings, wohnten. Das war ein freudiges Wiedersehen, und für ein Jahr waren wir wieder - diesmal 6 Kinder, die miteinander spielen konnten, und das haben wir reichlich getan.

Hier lernte ich dann den ersten Kachelofen kennen, der - vom Treppenhaus geheizt - beinahe die ganze Wohnung angenehm wärmte.Es gab im ersten Stock Öffnungen in den Kaminen, aus denen die Wärme auch in die oberen Räume strömte. Ausßerdem hatte das Haus noch einen besonderen Vorteil: Es lag genau gegenüber der Schule, und ich mußte früh erst aus dem Haus gehen, wenn es in der Schule läutete.

Übrigens die Schule: Da gab es einige Dinge, die mir Schwierigkeiten bereiteten . Ich hatte von frühester Kindheit an jedes Stück, mit dem ich schreiben wollte, zwischen Zeige- und Mittelfinger gefaßt, und nicht, wie jeder " normale " Mensch zwischen Daumen und Zeigefinger. Nun fand ich in meiner Lehrerin, Fräulein Vogelsang, eine Perfektionistin, die mir durchaus beibringen wollte, den Griffel " richtig " zu halten. Sie hat es nicht geschafft, denn, sobald sie nicht gerade auf meine Finger schaute, hielt ich den Griffel so, wie i c h es wollte. Und so schreibe ich noch heute.

Mama fand es sehr schön, mein langes blondes Haar nicht in feste Zöpfe zu flechten, sondern, es offen hängen zu lassen. Da sehe ich mich eines Tages in der Klasse an unserem großen Modell-Sandkasten, hinter mir Fräulein Vogelsang, die mit einem Rohstock und mit spitzen Fingern in meinem Haar herumstochert und mich dann nach Hause schickt mit dem Auftrag an Mama, sie solle mir eine andere Frisur machen, es gäbe so viel Läuse in der Klasse. Ich habe keine bekommen, doch von da an trug ich Zöpfe!

Auf unserem Schulhof gab es eine Reihe von Laubbäumen. Da war es im Herbst ein Vergnügen, durch das tiefe Laub zu schlurfen, d.h. wir hoben die Füße nicht auf, sondern schoben sie nur vorwärts. Und einmal entdeckte ich dabei unter dem Laub ein Pfennigstück, kurz darauf noch ein zweites und ein drittes, zum Schluß gar noch ein Zweipfennigstück. Mit insgesamt fünf gefundenen Pfennigen renne ich überglücklich nach Haus und übergebe sie Mama zur Aufbewahrung. Als ich wieder in der Klasse ankomme, fragt mich die Lehrerin, ob ich Geld gefunden hätte. Ich bejahe das und muß weil der Verlierer sich gemeldet hat, wieder nach Haus und meinen Schatz zurückgeben.

Fräulein Vogelsang war bei uns Kindern nicht sehr beliebt, und, obwohl wir erst sieben Jahre alt waren, hatten wir schon etwas entdeckt, womit wir sie ärgern konnten. Als wir das Frühlingslied " Alles neu macht der Mai "lernten, gab es eine gute Gelegenheit dafür. In einer Strophe heißt es da " Vögelsang, Hörnerklang.." so jedenfalls behauptete sie, und so stand es wohl auch in unserem Liederbuch, doch wir sangen immer und eimmer wieder " V o g e l s a n g Hörnerklang...." und brachten sie damit auf die Palme. Sie konnte uns noch so oft verbessern, wenn die Stelle kam, klang es klar und deutlich " V o g e l s a n g ... "

Einmal im Herbst sollte ein neuer Schulrat ernannt werden. Schnell wurde bekannt, daß der dafür vorgesehene keiner Religionsgemeinschaft angehörte. Da beschloß die Elternschaft zu streiken. Das waren herrliche Ferien - so etwa 10 Tage, ganz außer der Reihe. Das muß im sehr späten Herbst gewesen sein, denn ich sehe noch das geschlachtete Schwein auf der Leiter hängen, als Alfred Schoppen, ein Mitschüler, auf den Hof kam und rief " Der Schulstreik ist beendet " Vom Fenster meines Schlafzimmers konnte ich auf den Schulhof schauen, und als ich einmal einige Zeit wegen Masern zu Hause bleiben mußte und der Arzt Bettruhe im verdunkelten Zimmer angeordnet hatte, hat man mich immer wieder , wenn Schulpausen waren, am Fenster erwischt. Es war doch so schön, den anderen zuzusehen.

Etwa hundert Meter von unserem Haus entfernt gab es einen Bauernhof. Auf dem lief ein Hund an einer langen Kette und bewachte das Haus. Dieses Tier galt als besonders bösartig. Eines schönen Tages hatten meine Eltern mich verloren. Nach langem bangem Suchen fanden sie mich schlafend in der Hundehütte des ach so bösen Hundes, ihn selbst als Kopfkissen benutzend, die Arme um seinen Hals geschlungen.

In Gerthe sehe ich uns immer nur spielen. Ein ganz beliebtes Spiel war " knickern ". Damals waren die Bürgersteige- vor allem die außerhalb des Ortskerns-noch nicht gepflastert oder geteert. So boten sie sich geradezu für dieses Spiel an. Knicker, das waren kleine bunte Kugeln mit einem Durchmesser von etwa 0,7 Zentimeter, die man - ich glaube 10 Stück für einen Pfennig - in jedem Laden kaufen konnte . Wenn einer von uns davon einen ganzen Beutel voll hatte, war er entweder reich oder ein ganz besonders geschickter " Knickerspieler ", denn die Kunst bei dem Spiel war es, den anderen ihre Knicker abzugewinnen, und das geschah bei den verschiedenen Spielen jeweils auf eine andere Art. Bei einem rollte der erste Spieler von einer festen Linie aus seinen Knicker soweit als möglich nach vorn. Der nächste mußte dann versuchen mit seinem den vorgelegten zu treffen. Wenn ihm das gelang gehörte ihm der getroffene. Oder bei einem anderen Spiel, dem " Kühlchen " wurde eine kleine Vertiefung in den Boden gemacht, und da hinein mußten die Knicker gerollt werden. Da das beim ersten Mal selten gelang, wurden die um das Kühlchen liegenden mit dem Finger hineingeschnippt. Wer das Loch getroffen hatte, durfte sich am nächten versuchen. Bei jedem Fehlversuch kam der nächste Spieler an die Reihe, und wer es schaffte, den letzten Knicker hineizuschnippen, der durfte den ganzen Inhalt des Kühlchens einheimsen. Mit knickern beschäftigten wir uns so lange, bis einer keine Knicker mehr hatte.

Dann gab es eine Menge weiterer Spiele, zum Beispiel Hüpfspiele. Da wurde eine Figur auf den Boden geritzt, ein flaches Steinchen in das erste Feld geworfen und dann hüpfend von Feld zu Feld weiterbefördert und durfte nicht auf einer Linie liegenbleiben oder über ein Feld hinausrollen. Bei einem weiteren mußte ebenfall eine Figur durchhüpft werden, es durfte keine Linie getroffen werden und auch der zweite Fuß den Boden nicht berühren. Wer einen Fehler machte war " ab " und mußte aufhören.

Und dann das Seilchenspringen! Allein war das ja noch einigermaßen zu schaffen, weil man ja dann das Tempo selbst bestimmte. Aber, wenn man zu dritt war und zwei das Seil drehten, der dritte aber springen mußte, dann war das manchmal doch ganz schön schwierig. Vor allem, wenn es dann hieß: " Salat, Salat, wann essen wir Salat" und dann das Seil in mörderischem Tempo weitergedreht wurde indem man sang "Januar, Februar, März, April.. .. "und so weiter. Dann hatte man den Spott auszuhalten, wenn man bereits im Januar oder Februar" ab " war. Denn dann hieß es: " Ätsch, die ißt schon im Februar Salat !"das war nämlich damals undenkbar. Viel Spaß machten uns auch die vielen verschiedenen Kreisspiele, oder aber " wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? " Und dann die vielen Ballspiele. Die mit dem etwas dickeren Ball, beispielsweise die " Probe " bei der man den Ball auf 10 verschiedene Arten jeweils zehnmal gegen die Wand werfen mußte, ohne daß er zu Boden fiel. Zehnmal Fäustchen, zehnmal Ärmchen, zehnmal Köpfchen und so weiter. Da mußte man ganz schön flink sein, wenn das alles klappen sollte.

Und im Herbst, wenn die Gärten hinter den Häusern - zwischen denen es Gott sei Dank keine Zäune oder Hecken gab - abgeräumt waren, dann fanden sich jede Menge Kinder ein und es wurde " Schlagball " gespielt. Wie wir da über die Gartenbeete hetzten war eine reine Freude.

In Gerthe liegen auch die Wurzeln für eine Angst, die ich bis heute nicht überwunden habe: Die Angst vor Betrunkenen. Da gab es im Ort einen Mann, der als Quartalssäufer bekannt war. Es muß wohl gleich in den ersten Wochen gewesen sein, in denen wir in Gerthe wohnten. Wir spielten mit mehreren Kindern auf der Straße. Da kam der Betrunkene dahergetorkelt; die Kinder, die ihn kannten, sprangen um ihn herum und neckten ihn, und als er sie greifen wollte, liefen sie schnell weg. Nur ich war wie erstarrt stehengeblieben und konnte zuerst garnicht laufen, und nur der Umstand, daß der Mann zu betrunken war, um gezielt zugreifen zu können, hat mich davor bewahrt, von ihm angefaßt zu werden. Dieses Angstgefühl packt mich noch heute, wenn ich einen total betrunkenen Menschen sehe, und ich mache noch heute einen großen Bogen um sie.

Im Winterhalbjahr, wenn draußen nicht zu spielen war, saßen wir oft mit der Familie Ehring um den großen Tisch, und es wurde Quartett gespielt. Damals erhielt ich meine ersten Kenntnisse über Komponisten und ihre Werke, denn es war ein Komponistenquartett mit dem wir spielten. Herr Ehring hatte die unangenehme Angewohnheit , eine Karte verschwinden zu lassen, und so dauerte oft schon durch die Menge der Mitspieler,- wir waren sechs bis acht Personen- , manches Spiel den ganzen Nachmittag.

Ganz streng hielten meine Eltern auch die " stillen Feiertage " ein, das waren Buß- und Bettag und Totensonntag. Da gab es keine lauten Spiele, und wir Kinder zogen uns oft ins Treppenhaus zurück, um die Ruhe in den Wohnräumen nicht zu stören. Da kamen wir allerdings auf die abenteuerlichsten Ideen, wovon das Rutschen auf dem Treppengeländer noch eine der harmlosesten war. Wir hatten eine Wäscheleine entdeckt, befestigten sie im Obergeschoß an den Streben des Treppengeländers und ließen uns an der Leine herunter bis ins Erdgeschoß. Wie gefährlich das war, ist uns nie zum Bewußtsein gekommen. Spaß hats uns auf jeden Fall gemacht.

In Gerthe fertigte ich auch meine ersten Handarbeiten. Das allererste Werk war ein Nadelkissen. ich sehe es noch heute vor mir, aus dunkelblauem Stoff hatte ich es mit einem orangeroten Faden mit einer Art Knopflochstich umrandet. Wann es schließlich das Zeitliche gesegnet hat, weiß ich nicht. Doch es hate viele Jahre in Mamas Nähkästchen gelegen. Was könnte ich sonst noch von Gerthe berichten ? Vielleicht noch dieses, daß meine allerersten Leseübungen manchmal die abenteuerlichsten Wortschöpfungen erbrachten. Dazu wäre erst einmal zu sagen, daß für uns die Bezeichnung " Toilette " für das stille Örtchen nicht existierte. Das war für uns der "Abort ". Da gab es am Ende unserer Straße einen Eckbau, in dem eine Apotheke untergebracht war. Über dem Halbrund des Eingangs prangte in großen Buchstaben " Apotheke ". Für mich war das nach erstem flüchtigen Hinschauen die " Abortecke ". Es wurde viel darüber gelacht, und ich habe mich entsetzlich geschämt.
Doch auch unsere Zeit in Gerthe ging schon bald zuende. Schon am 1. Juli 1927 trat mein Vater seinen Dienst auf der Zeche " Fürst Hardenberg " in Dortmund - Lindenhorst an.

Da Papa nur sehr ungern ohne seine Familie war, holte er uns Ende September 1927 nach Lindenhorst, obwohl die Wohnung, in die wir einziehen sollten, noch nicht frei war. Da haben wir dann 14 Tage lang beim Bauern Büker im Dorf Lindenhorst auf dem Bauernhof als Untermieter gewohnt. Es gab da, soweit ich mich erinnere, nur ein großes Schlafzimmer für die ganze Familie. Doch eine Besonderheit hatte dieses Schlafzimmer: Ein kleines Fensterchen, durch das man auf die Tenne (Wir nannten es Deele ) sehen konnten. Und da gibt es eine scheußliche Erinnerung : Nicht weit von Lindenhorst gibt es den Dortmund-Ems-Kanal . Eines Tages hatte man eine Leiche da herausgefischt und sie auf die Tenne gebracht. Und noch bevor Mama es uns verbieten konnte, hatten wir durch das Fensterchen einen Blick auf dieses grausige Schauspiel geworfen. Es hat mich lange verfolgt, und immer wenn mal die Rede auf Ertrinken kam, sah ich dieses Bild vor mir.

Ansonsten hat der Hof Büker keine bleibenden Erinnerungen hinterlassen, denn schon nach vierzehn Tagen zogen wir in das Haus Lindenhorsterstraße 206 ein. Das war wieder ein Doppelhaus, 2 1/2 geschossig. Diesmal bekamen wir die Wohnung links, während rechts die Familie Harbecke wohnte. Sie waren älter als meine Eltern und hatten eine ganze Anzahl von Kindern, von denen der größte Teil schon nicht mehr zu Hause wohnte. Herr Harbecke war Vorsitzender des örtlichen Kriegervereins, und immer, wenn Veranstaltungen stattfanden, an denen der Verein teilnahm, wurde er von einer Abordnung mit Kapelle und Fahne abgeholt. Das war immer eine große Zeremonie: Die Kapelle stellte sich vor dem Haus auf und spielte einen Marsch, meist " Preußens Gloria ", dann kamen drei Mann, in der Mitte der Fahnenträger, bis zur Haustür, holten Herrn Harbecke ab und geleiteten ihn an die Spitze der Truppe. Ein Kommando: " rechts um " und der Haufe schwenkte und marschierte mit Musik ab. Die Uniformen, die Musik und das ganze Drumherum war für uns Kinder schon recht beeindruckend.

Da ich gerade bei Harbeckes bin, schnell noch eins: Sie mästeten, wie so viele Leute zu der Zeit , ein Schwein. Doch das ihrige wollte garnicht recht gedeihen. Schließlich wurde ein Bergmann, der als Experte für die Schweinehaltung galt, zur Hilfe geholt. Dieser besah sich das Schwein, wandte sich dann an Herrn Harbecke und sagte: " Obersteiger, ihr dürft das Schwein nicht mit dem Schwanz an den Trog binden, es kommt ja mit der Schnauze nicht dran." womit er wohl meinte, sie müßten dem Tier mehr zu fressen geben, wenn es gedeihen sollte.

Für mich gab es zum 1. Oktober nun schon die dritte Schule. Mein erster Lehrer dort war Herr Prast, mit dem zwar ich, nicht aber meine Eltern zufrieden waren. Es war doch geplant, daß ich irgendwann einmal das Lyzeum besuchen sollte, und bei diesem tüchtigen Lehrer bekamen wir eine ganze Woche lang immer dieselbe Hausaufgabe, nämlich die erste Strophe des Liedes " In allen meinen Taten laß ich den Höchsten raten" auf die Tafel zu schreiben. Das brachte Mama so in Harnisch, daß sie - es war wohl das einzige Mal in meiner Schulzeit -zum Lehrer ging, um gegen diese Art von Unterricht Einspruch einzulegen. Und da sie nicht beim Lehrer haltmachte, sondern gleich zum Schulleiter weiterging, hatte sie auch Erfolg. Der Unterricht wurde intensiver. Nach der Versetzung zu Ostern 1928 war dann Rektor Taute mein Lehrer, bei dem ich sehr viel gelernt habe. Ich war bei ihm offenbar so gut, daß er wohl meinte, ich könnte so manches Mal vom Unterricht fernbleiben, und so schickte er mich zu seiner Frau - er wohnte oben im Schulhaus - und diese hatte dann so allerlei Aufträge für mich. Da gibt es ein besonderes Erlebnis: Sie schickt mich eines Tages zum Einkaufen, gibt mir dazu einen 100 RM -Schein mit. Einem neunjährigen Kind 100 Mark zu einer Zeit, in der der Monatslohn eines Bergmanns bei etwa 150 Mark lag. Wie froh ich war, als ich Ware und Wechelgeld korrekt wieder abgeliefert hatte, kann keiner verstehen, dem eine solche Verantwortung in so frühen Jahren noch nicht auferlegt wurde. Da Herr Taute wußte, daß ich aufs Lyzeum sollte, mußte ich mehr als ein halbes Jahr lang alle Arbeiten in lateinischen Buchstaben schreiben. Alle anderen schrieben Sütterlinschrift, im Lyzeum jedoch brauchte ich lateinische Buchstaben für die Fremdsprachen. Was sich daraus für ein Drama entwickelte, werde ich später berichten. Das hieße, der Zeit allzu weit vorauszueilen.

Noch schrieben wir das Jahr 1927, und wir nahmen erst einmal unsere neue Wohnung in Besitz. Da gab es zum ersten Mal ein richtiges Badezimmer mit ständig warmem Wasser. Auch eine Zentralheitung war da, und alles das wurde von der Zeche aus geheizt. Da lagen riesige Rohre an der Grundstücksgrenze, durch die das heiße Wasser zum Haus geleitet wurde.Ich sehe mich in den ersten Tagen in den Stallungen hinter dem Haus herumklettern. Da war unten ein Stall für Schweine o.ä. und darüber gab es einen Hühnerstall. Unsere Vormieter hatten Hühner gehalten, und als wir, Karl-Heinz und ich , wieder ins Haus kamen, hüpften Hühnerflöhe in Unmassen auf uns herum. Mama schleppte uns schnell ins Bad, raus aus den Kleidern und uns sowie die Kleider sofort unter Wasser gesetzt. Das war die einzige Radikalkur, die sofort Erfolg hatte.

Auf dem Hof gab es zwei Turngeräte, ein Reck und einen Barren. Da haben wir so manche Stunde an diesen Geräten verbracht: Aufschwung, Kniewelle usw. Am schönsten aber war es, mit dem Kopf nach unten am Reck zu hängen und die Welt verkehrt herum zu betrachten.Ein großer Garten gehörte auch zu der Wohnung, und zum ersten Mal bekamen auch wir Kinder unser Gärtchen, in dem wir nach Herzenslust säen, pflanzen und ernten konnten. Mitten im Garten war eine Laube, und ich sehe sie noch heute unter Kapuzinerkresse versteckt, und uns darin beim spielen. Unseren Hof teilten wir uns mit dem Nachbarhaus, in dem vier Familien wohnten. Mit einer davon gab es ein recht nettes freundschaftliches Verhältnis. Es war die Familie Möller, die älteste Tochter bereits verheiratet und aus dem Haus, die zweite wesentlich älter als wir, aber ein Sohn etwa gleich alt wie August. Herr Möller stammte aus Unterneurode in Hessen, und seine Begeisterung für seine Heimat veranlaßte meine Eltern dann im Sommer 1928 mit Möllers zusammen dort Urlaub zu machen. Karl-Heinz, der noch nicht zur Schule ging, nahmen sie mit, August und mich aber ließen sie in der Obhut einer jungen Familie mit Namen " Hering " zurück. Die Frau erwartete gerade ihr erstes Kind, und Papa scherzte oft, sie bekämen wohl " Sprotten " das sind kleine Heringe . Wir sind sehr gut versorgt worden, und als die Eltern zurückkamen, gab es eine Menge zu erzählen.Durch Unterneurode, dem Urlaubsort,floß ein sehr sauberer klarer Bach, der einer ortsansässigen Brauerei das zum Brauen notwendige Wasser lieferte. Es wurde natürlich nicht täglich gebraut, jedoch immer wenn gebraut werden sollte, ging am Tag davor ein Ausrufer durch den Ort und rief:" Et wertt ink hiermet angedütt, datt keener in den Bach rin schitt, denn morgen wird gebraut! " Und von noch einem besonderen Erlebnis hatten die Urlauber zu berichten: Papa aß für sein leben gern Zwetschgen. Die waren nun gerade reif, und die Landstraßen, die aus dem Ort hinausführten , waren dicht bestanden mit Bäumen, die voll der herrlichsten reifen Früchte hingen. Papa erfuhr, daß die Bäume zum Abernten verkauft wurden. Als er nun mit Mama und Möllers in einer Gaststube sitzt, bekennt er, daß er liebend gern ein bis zwei Bäume kaufen würde. Da meldet sich ein Gast und erklärt sich bereit, ihm zwei zu verkaufen. Der Handel wird perfekt gemacht, der Kaufpreis sofort entrichtet und die Bäume genau bezeichnet, die er nun gekauft hat. Überglücklich begeben sich Papa und Mama am nächsten Morgen zu der Stelle und beginnen mit der Ernte. Da werden sie von einem vorbeikommenden Bauern gestoppt. Papa erklärt, daß er die Bäume am Vortage gekauft habe." Von wem denn ?" fragt der Bauer, und dann stellt sich heraus, daß dieser garkein Recht hatte, die Bäume zu verkaufen. Für Papa war das ganz besonders schmerzlich: Das Geld weg und trotzdem keine Zwetschgen.

Von Lindenhorst fuhren wir sehr oft am Sonntag zu Tante Emma und Onkel Wilhelm nach Mengede ( später Dortmund - Mengede ). Das war jedesmal ein besonderes Erlebnis. Wir fuhren zunächst mit der Straßenbahn zum Burgtor in Stadtmitte , und dann kam der Clou: Nach Mengede fuhr - und nur dorthin fuhr sie - die Linie 5 mit einer Besonderheit: Der Motorwagen war, wie jeder andere auch, aber der Anhänger !! Der war wie ein Boot gebaut. Man stieg in der Mitte zu ebener Erde ein, und nach rechts und links ging es ein paar Stufen hoch zu den Sitzplätzen. Und da saß man dann, erhöht über denen , die aus- und einstiegen. Das war besonders toll. Die Besuche selbst sind mir weit weniger im Gedächtnis geblieben. Mengede war für uns Kinder nur dadurch interessant, daß unmittelbar hinter Tante Emmas Haus ein ziemlich sumpfiges Gelände war, auf dem ständig Enten sich tummelten. Hinter diesem Feuchtgebiet kam man an die Eisenbahnlinie, über die eine Metallbrücke führte. Es war nur eine Fußgängerbrücke, und wenn Züge darunter durchfuhren, war man in dichten Qualm eingehüllt, denn damals fuhren die Züge nur mit Kohle. Übrigens hatte ich einige Jahre vorher, als ich einmal länger bei Tante Emma gewesen war, mit einem Nachbarskind einen " Ausflug " gemacht. Tante Emma hatte uns Brote, Kartoffelsalat und Eier eingepackt, weil wir doch so große Pläne hatten. Und wo waren wir schließlich gelandet ? Auf dieser Eisenbahnbrücke! Hatten dort inmitten von Qualmwolken unseren Proviant verzehrt, und kamen dann schmutzig, aber fröhlich, wieder bei Tante Emma an. Doch damals ging ich noch nicht zur Schule, also muß es viel früher gewesen sein. Die Besuche jetzt waren weit weniger aufregend, zumal Erna und Willi inzwischen beinahe erwachsen waren und nicht mehr so viel mit uns anzufangen wußten. Doch es gibt noch ein Erlebnis, das sich mir unauslöschlich eingeprägt hat. Die Haltestelle der Straßenbahn, die Endstation der Linie 5 lag unmittelbar vor einer Gaststätte. Es war Winter als wir zur Rückfahrt aufbrechen wollten und bereits dunkel, als wir ankamen. Da kamen aus der Gaststätte Betrunkene, die Streit miteinander hatten, und sich ganz jämmerlich verprügelten; es floß Blut, und ich habe mich ganz furchtbar geängstigt.

Dem Haus in Lindenhorst schräg gegenüber lag das Kolonialwarengeschäft Lueg, in dem wir einen Großteil unseres Bedarfs an Lebensmitteln deckten. Das war ein interessanter Laden: Das Haus war ein 1 1/2 geschossiger Ziegelbau, die Ziegel schwarz von Kohlenstaub. Drei Stufen führten zum Eingang, rechts und links stand je ein großer Baum, wodurch auch das Innere des Hauses immer ziemlich dunkel war. Durch die Eingangstür kam man in einen Flur, im Hintergrund die Treppe zum Obergeschoß und links ging es in den Laden.Das war ein Raum von etwa 15 Quadratmetern Größe, eine Verkaufstheke trennte den Käufer vom Verkäufer und der Ware . In einer Regalwand waren eine ganze Reihe von Schubladen, die zum Teil offenstanden und den Blick auf ihre Inhalte freigaben. Da gab es Reis, Haferflocken, Mehl, Zucker, Rosinen und so weiter. Am Boden standen Fässer, eins mit Gurken, eins mit Sauerkraut, eins mit Bohnen und...eins mit Rübenkraut.Auf der Theke stand eine Waage mit zwei Schalen und einer großen Anzahl von Gewichtsteinen. Doch das Allerschönste für uns Kinder war der Ständer mit den sechs Bonbongläsern, gefüllt mit bunten " Seidenkissen " süß und klebrig, " Himbeeren und Brombeeren " mit Milchkaramellen mit Lakritz und Veilchenpastillen. Da fiel die Entscheidung schwer, wenn Mama uns - was sehr selten geschah - mal erlaubte für zwei Pfennige Bonbons zu holen.

Ein Lebensmittelgeschäft war damals ganz gewiß keine Goldgrube, und in einer Zeit , in der es bis zu sieben Millionen Arbeitslose gab, war der Existenzkampf besonders schwer. Nun hatte sich Herr Lueg junior, um seine Kundschaft besser und schneller bedienen zu können, ein Dreirad gekauft. Und Papa Lueg, in Sorge um die Kinder, die auf der Straße spielten, ging eine halbe Stunde bevor der Sohn losfuhr auf die Straße und sagte:" Kinder geht schnell von der Straße, hier kommt gleich ein Auto vorbei." Herr Lueg war übrigens Presbyter in der Gemeinde, und er hat einmal sehr zur Erheiterung der ganzen Versammlung beigetragen, als er bei einer Veranstaltung die Gäste mit " Liebe Glaubensbrüder und Glaubensbrüderinnen " begrüßte Unsere Spiele waren nicht immer besonders menschenfreundlich. So hatte August einmal eine Geldbörse an einen Bindfaden gebunden und auf den Bürgersteig gelegt. Er selbst, das andere Ende des Bindfadens in der Hand, hockte hinter dem Tor, und sobald sich jemand nach dem vernmeintlich guten Fund bückte, zog er ihn blitzschnell zurück. Und Karl - Heinz machte sich ein Vergnügen daraus, eine im 3. Stock des gegenüberliegenden Hauses wohnende sehr korpulente Frau zu rufen; " Tante Menne, Tante Menne " und wenn sie dann am Fenster erschien und fragte:" Was ist denn mein Junge ?" dann kam von ihm unschuldsvoll "Nix Tante Menne ".

Der Winter 1928/29 wurde dann sehr kalt. Wir Kinder packten die Schlittschuhe sobald wir mit den Schularbeiten fertig waren, und ab gings zum " Fredenbaum" auf den Kahnteich. Karl-Heinz wollte durchaus immer mitgehen, aber weil er noch nicht Schlittschuhlaufen konnte, wollten wir ihn nicht mitnehmen. Da schüttete er dann jeden Abend einen Eimer Wasser auf den Hof, und auf dieser Pfütze übte er am anderen Tag so lange, bis er es ein paar Tage später konnte, und wir ihn mitnahmen. Er ging ja noch nicht zur Schule und konnte deshalb natürlich noch nicht lesen. Der Teich war überfüllt, und plötzlich sahen wir unseren Bruder nicht mehr. Und dann entdeckten wir ihn, wie er mit Riesenschritten auf das Ende des Teiches zulief, wo ein großes Schild das Betreten verbot, da hier der Wasservögel wegen ein Loch offengehalten wurde. Im letzten Augenblick holten wir ihn noch ein, bevor er dem Loch zu nahe kam.

Die notwendigen Einkäufe des täglichen Bedarfs konnten wir alle in der Nachbarschaft besorgen: Da gab es den schon erwähnten Kolonialwarenladen Lueg, außerdem einen Metzger und einen Bäcker, und zwischendurch den Obsthändler, der mit seinem Karren durch die Straße fuhr, und seine Ware lauthals anpries. Seine Sprüche wie etwa : "Prima Blutapfelsinen ham mer heute, keine zehne --.- zwölf Stück für fünfzig! " und anschließend." Blut -. Blut, Blut gibt wieder Blut, und was kein Blut gibt, das gibt Speck ! " meine ich manchmal noch heute zu hören. So waren wir für den täglichen Bedarf immer mit allem gut versorgt, doch Samstags fuhr Mama nach Dortmund zum, Markt, und dann brachte sie oft so fremde Dinge mit, denn sie stand auf dem Standpunkt: " Meine Kinder sollen alles kennenlernen, sie sollen niemals sagen müssen, was ist das, das kenne ich nicht."Und so lernten wir schon sehr bald die neu auf den Markt gekommenen Früchte kennen. Sie brachte Tomaten, wir probierten Granatäpfel und noch vieles andere mehr. Und eines Tages brachte sie Kaviar mit, ein winziges Döschen zwar, doch immerhin so viel, daß jeder von uns wenigstens eine Ahnung vom Geschmack dieser Delikatesse bekam. Das Döschen war sehr teuer gewesen und sprengte gewiß ihren Etat, doch das Gefühl, etwas Besonderes für ihre Kinder getan zu haben, hat ihr gewiß geholfen, das Geld an anderer Stelle wieder einzusparen.

Wenn Mama samstags in die Stadt fuhr, hatte sie - vor allem in den Ferien - immer Aufträge für uns. Wir waren überhaupt von klein an immer dazu angehalten worden, überall mit anzupacken. Eine besonders unbeliebte Arbeit war das " Blankputzen ", das hieß, alles im Haus befindliche Gerät aus Messing mußte unter Aufbietung großer Körperkraft geputzt werden. Und es gab viel aus Messing, zumal Türklinken und Türschilde im ganzen Haus aus diesem Metall gefertigt waren. Einmal, in den Ferien, hatte ich mir vorgenommen, wenn Mama zur Stadt fuhr " blank zu putzen " , um ihr damit eine besondere Freude zu machen. Sehnlichst wartete ich darauf, daß sie ging, um mit der Arbeit beginnen zu können. Da dreht sie sich in der Tür noch einmal um und sagt " Else, du könntest inzwischen ja blank putzen." So enttäuscht bin ich selten gewesen. Ich habe die Arbeit zwar getan, doch alle Freude war dahin.

1929, das Jahr, in dem ich 10 Jahre alt wurde, brachte auch einen großen Einschnitt in meiner Schulzeit. Ich sollte zu Ostern aufs Lyzeum, und zwar hatten die Eltern das " Schillerlyzeum " ausgewählt, das am Hohen Wall lag. Zuerst aber hieß es, eine Aufnahmeprüfung zu bestehen. Mama brachte mich früh am Morgen nach Dortmund, und zwar fuhren wir mit der Straßenbahn bis zur Haltestelle " Grafenhof ". Am Stadttheater vorbei ging es dann über den Wall bis zur Schule.Dort entließ Mama mich und meinte, ich käme nun allein zurecht und fände auch den Weg wieder nach Hause. Wußte ich doch, welche Straßenbahnlinie nach Lindenhorst fuhr.

Nun, erst einmal begann die Prüfung. Ich war furchtbar aufgeregt, doch Rechnen, Lesen, Heimatkunde klappte alles vorzüglich. Doch dann kam Deutsch. Es sollte ein Aufsatz geschrieben werden. Das Thema hieß: "Unser Wohnzimmer ". Und jetzt zeigte sich, welch ein Fehler es gewesen war, mich ein halbes Jahr lang nur lateinische Buchstaben schreiben zu lassen. Der deutsche Aufsatz mußte selbstverständlich in Sütterlinschrift angefertigt werden, und da hatte ich dann meine Schwierigkeiten schon bei der Überschrift. Da stand " Unser ...... " und dann nichts. Wie schreibt man nur ein großes W ? Ich saß da und überlegte, doch es wollte und wollte mir nicht einfallen. So gab ich nach 45 Minuten ein beinahe leeres Blatt ab und war fest davon überzeugt, nun nicht bestanden zu haben. Doch dann rief man mich und fragte, warum ich ein fast leeres Blatt abgegeben hätte. Meine Erklärung, daß ich nicht mehr gewußt hätte, wie man ein großen Sütterlin W schreibt, rief ein Schmunzeln hervor, und dann sagte man mir, daß die Beurteilung meines Klassenlehrers von der Volksschule so gut sei, daß man es trotz dieser Panne mit mir versuchen wollte.

Ja, und dann mußte ich auch wieder nach Haus. Ich wußte ja noch ganz genau, wo wir am Morgen aus der Straßenbahn ausgestiegen waren, Also marschierte ich dahin zurück. Aber plötzlich sah ich die Straßenbahn Richtung Lindenhorst an mir vorbeifahren. Da wo ich stand, hatte sie nicht gehalten. Ich lief ihr nach und entdeckte an der nächsten Haltestelle "Silberstraße ", daß sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite anhielt. Diese Bahn habe ich nicht mehr erwischt, doch weil ich nun an der richtigen Seite wartete, die Nächste.


Schulwechsel: jetzt Lyzeum


So begann dann nach den Osterferien 1929 der Unterricht für mich im "Schillerlyzeum ". Eine Besonderheit gab es zu der Zeit: Die Schüler der höheren Lehranstalten trugen Schülermützen. So konnte man aus Farbe und diversen anderen Abzeichen erkennen, in welche Klasse welcher Schule ein Schüler ging. So war aber auch für jedermann zu erkennen, wenn einer eine Klasse doppelt machen mußte, und nach der Versetzung setzte ein Sturm auf die beiden Geschäfte ein, die die entsprechenden Abzeichen verkauften. Ob das Ganze allerdings einen Einfluß auf den Fleiß gehabt hat, wage ich zu bezweifeln. Eines aber bewirkte es: Es stellte uns als Priviligierte dar, wobei allerdings nicht verschwiegen werden darf, daß wirklich begabte Schüler aus jeder Gesellschaftsschicht aufs Gymnasium bzw. Lyzeum gehen konnten. Sie bekamen ein Stipendium, während alle anderen Schulgeld zahlen mußten.

Ich mußte nun Morgen für Morgen wesentlich früher aufstehen als bisher und fuhr dann gemeinsam mit August, der das " Bismarck-Gymnasium " besuchte ,zur Stadt. In unserer Schule gab es drei Sexten mit je etwa 30 Schülerinnen. Ich war in der Sexta a und lernte bald die ersten französischen Vokabeln. Unser Klassenlehrer war Emil Funke, der infolge einer Kriegsverletzung beim Schreiben die Kreide oder den Halter zwischen Zeige- und Mittelfinger hielt, genauso, wie ich es seit frühester Kindheit tat. Meine Mitschülerinnen jedoch vermuteten, ich ahmte den Lehrer nach und versuchten, mich damit zu ärgern. Im Sommer, unmittelbar vor den großen Ferien gab es ein großes Ereignis: Unser Schulfest ! Das begann am Morgen mit einem Sportfest im Stadion und wurde mit Eltern und Freunden am Nachmittag ganz groß im "Fredenbaum " gefeiert. Der " Fredenbaum ", das war zunächst ein großes Lokal mit einem riesigen Saal, aber für uns Kinder war es vor allem ein großer Vergnügungspark. Da gab es Karussels, Schiffschaukel, Verkaufsstände, Schießbuden, aber vor allem die "Berg und Talbahn " . Über das Vergnügen, damit fahren zu dürfen, ging nichts! Welche Spannung, wenn die Schlange von Wagen langsam den höchsten Punkt erkletterte und sich dann, gleichsam todesmutig in die Tiefe stürzte. Das Herz blieb einem fast stehen, und doch war es unbeschreiblich schön, und nur der Mangel an Taschengeld hielt uns davon ab, den ganzen Nachmittag da zu verbringen. Dieses Sommerfest fand jedes Jahr statt, und mit der Zeit wurden aus den blumengeschmückten weißgekleideten Kindern junge Damen. Doch das Vergnügen blieb dasselbe. Solange wir in Dortmund wohnten, freute ich mich jedesmal aufs Neue auf unser Sommerfest.

Der Winter 1929 /30 wurde noch einmal sehr kalt, zwar nicht ganz so kalt wie der vorjährige, jedoch so, daß wir unserem Vergnügen, dem Schlittschuhlaufen , noch sehr oft fröhnen konnten. Papa war von einem guten Bekannten eingeladen worden, an einer Treibjagd teilzunehmen, der ersten in seinem Leben. Er fuhr los mit Proviant im Rucksack und voller Neugier auf das, was ihn erwartete. Und dann bekamen wir einen Anruf: Papa liegt im Brüderkrankenhaus in Dortmund. Es hat einen Jagdunfall gegeben, und er ist verletzt worden. Es stellte sich dann heraus, daß man ihm die Großzehe am rechten Fuß abnehmen mußte, da sie von einer Schrotladung durchlöchert war. Wie hatte das nur geschehen können ? So nach und nach erfuhren wir Einzelheiten. Er hatte, während man noch auf den Beginn der Jagd wartete, Hunger bekommen, wollte ein Brot aus seinem Rucksack nehmen und klemmte sich das Gewehr unter den Arm. Dieses blieb mit dem Abzug an einem Haken des Rucksacks hängen, ein Schuß löste sich und ging durch Schuh und Zehe in den Boden. Nach der Operation ging es Papa garnicht schlecht in dem Krankenhaus, dessen Pflegepersonal ausschließlich aus barmherzigen Brüdern, also Mönchen bestand. Er bekam sehr viel Besuch in seinem kleinen Einzelzimmer unterm Dach. Und was brachten die Besucher mit? Natürlich eine Flasche Hochprozentigen, von dem sie wußten, daß er ihm schmeckte. Der Bruder Placitus, der ihn betreute, spuckte auch nicht rein, und so gab es oft im Krankenzimmer fröhliche Gelage. Gut war da, daß es gerade so schön kalt war. Da wurden die Flaschen in der Dachrinne aufbewahrt, in die man vom Fenster aus so gut hineinlangen konnte, und es gab die Getränke immer eisgekühlt. Wir Kinder nutzten unsere Schlittschuhpartien auf dem Kahnteich, um anschließend Papa noch im nahegelegenen Krankenhaus zu besuchen. So konnten wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Übrigens hat der Verlust der Großzehe Papa bis zu seinem Tode sehr beim Gehen behindert.

Als er dann wieder zu Hause war, wurde der Unfall von seiner Versicherung abgewickelt, und im Zusammenhang damit bekamen wir Kinder von ihm eine Rechenaufgabe gestellt, die folgendermaßen lautete: Wieviel bin ich wert, wenn 20 Gramm von mir, nämlich meine Zehe, mit 2.500,--RM vergütet werden, ich selbst aber 206 Pfund wiege? Wir haben uns tatsächlich mit dieser Aufgabe beschäftigt, und das Ergebnis hat bei uns großes Staunen hervorgerufen: 12.875.000,-- Reichsmark. Das war eine Summe, die wir uns überhaupt nicht vorstellen konnten. Trotzdem haben wir ihm erklärt, daß er uns viel mehr wert sei als alles Geld der Welt.

Wie ich schon erwähnte, fuhren wir Sonntags häufiger nach Mengede zu Tante Emma. Aber immer, wenn wir ein wenig mehr Zeit hatten, wie zu den großen Feiertagen, gings zu den Großeltern nach Durchholz und Sprockhövel, und das nicht erst von Lindenhorst aus. Als wir Kinder noch klein waren, gab es nur eine Möglichkeit, dahin zu kommen, und zwar fuhren wir mit der Eisenbahn nach Witten, und von da ging es weiter zu Fuß nach Durchholz.Wieviele Kilometer das waren, kann ich nicht genau sagen, doch es war ein schier endloser Weg. Da gingen wir zuerst einmal über die Ruhr, und zwar bei der " Nachtigaller Brücke ", einer Fußgängerbrücke, für deren Benutzung man noch bis kurz vor unserer Zeit Brückengeld zahlen mußte. Dann kletterten wir durch waldreiches Gelände, kamen an der Runine Hardenstein vorbei, von der uns Papa viele spannende Geschichten erzählte, aßen Sauerklee und stiegen weiter bergauf. Vorbei an dem Haus mit Namen "an de olle Dür " auch davon gab es eine Geschichte. Da war vor Jahren einmal das Haus abgebrannt, und nur die Eingangstür war heil geblieben, und die hatte man beim Neubau wieder eingesetzt, und seitdem hieß das Haus im Volksmund eben " an de olle Dür ". ( Heute gibt es dort eine Gatswirtschaft, die den alten Namen übernommen hat.)Wir kamen weiter zum Kreuzweg, und auch hiervon erzählte Papa uns Geschichten, und diesmal waren es Schauergeschichten, die uns zittern ließen: Denn, wenn man hier um Mitternacht vorbeikommt, springt einem ein Gespenst auf den Rücken und will getragen werden. Wie man es am Ende wieder loswurde, habe ich leider vergessen. Mit all diesen Geschichten verkürzte uns Papa den Weg, und wenn wir dann am Friedhof vorbei waren, konnten wir in der Ferne schon bald die Schule entdecken. Und dann, das Ziel vor Augen, schafften wir auch die letzte Strecke noch. Und bei Opa und Oma , später dann war nur noch Oma da, gab es zu essen und zu trinken, da waren dann auch noch Tante Ida und Tante Hedwig, Papas Schwestern, und oftmals war auch Tante Emma mit Familie schon da. Dann saßen wir in der Dämmerung in der Küche, und es wurde erzählt und gesungen. Erna und Hedwig hatten sehr schöne Stimmen, und so manches Lied, das ich noch heute kenne, habe ich damals von den beiden zum ersten Mal gehört. Die Mengeder und wir waren Übernachtungsgäste, dazu kamen vom Hammertal, (Sprockhövel) noch Tante Lina- auch eine Schwester von Papa-, mit ihrem Mann, Wilhelm Fiedler und den 3 Kindern. Die Wohnung an der Schule war für uns Kinder selbst bei schlechtem Wetter ein Paradies, denn dann durften wir im Schulzimmer spielen. Schule als Spielplatz übte auf uns einen ganz besonderen Reiz aus. Da gab es aber noch einen anderen Raum, der eigentlich verschlossen war, aber wenn wir Kinder versprachen ganz brav zu sein, wurde er für uns geöffnet. Da stand unter anderem das Modell eines Menschen in Lebensgröße, den man beinahe ganz auseinandernehmen konnte. Zuerst nahmen wir die Bauchdecke ab, dann entdeckten wir den Magen, die Lunge, die Leber, die Milz , die Därme, und ganz zum Schluß sogar noch die Nieren. Jedes Teil konnte herausgenommen werden, und meine genaue Kenntnis von der Lage der Organe verdanke ich zum größten Teil dem Spiel mit diesem Modell. Denn, wenn alles abgebaut war, mußten wir den Menschen auch wieder richtig zusammensetzen. Am ersten Feiertag, Ostern oder Pfingsten wurde vormittags erst einmal ein ausgiebiger Spaziergang gemacht. Papa legte immer sehr großen Wert darauf, daß wir seine Heimat, die er so sehr liebte, gründlich kennenlernten. Und so manches Mal sagte er zu uns, die wir wegen des häufigen Wohnungswechsels kein richtiges Heimatgefühl entwickeln konnten, " wenn euch einmal jemand fragt, wo ist deine Heimat ? Dann sagt ihm: Durchholz." Manchmal landeten wir bei einem solchen Spaziergang " In der Twissel " , so hieß das Gebiet, in dem das Haus von Onkel Fritz und Tante Jule lag. Onkel Fritz, ein Bruder meines Großvaters , hatte seine Jule schon als sechzehnjährige geheiratet. Für uns waren die Besuche dort immer ein besonderes Erlebnis. Zuerst einmal, weil Tante Jule an sich schon sehenswert war: Sie war ziemlich klein und rundlich, und dabei eine Seele von Mensch. Bei ihr ging keiner vom Hof, den sie nicht vorher bewirtet hatte, ob es nun Verwandte waren oder der Briefträger. Außerhalb des Hauses gab es einen Backofen, und es wurde auch nur selbstgebackenes Brot gegessen, von dem Tante Jule, den Riesenlaib vor die Brust gepreßt, enorm große Scheiben abschnitt, sie dann dick mit Butter bestrich und mit Schinken aus eigener Schlachtung belegte. Der Schinken wurde von ihr genauso geschnitten, wie das Brot, und daß dabei die Scheiben nicht allzu dünn waren, versteht sich von selbst. Wir mußten diese köstlichen Schinkenbrote essen, und wenn wir dann später bei Oma am Mittagstisch saßen und diese unseren schlechten Appetit beklagte, lag es gewiß nicht daran, daß uns ihr Essen nicht geschmeckt hätte. Es war nur kein Platz mehr in unserem Magen.

Wenn es zwei Feiertage gab, dann ging es am zweiten Tag nach Sprockhövel, zu Mamas Elternhaus.Das war ein großer Gegensatz zu Durchholz. Wenn Durchholz Ruhe und Gelassenheit verbreitete, dann gab es in Sprockhövel immer viel Unruhe und Hektik. Ich weiß nicht genau, woran das lag, vielleicht war einer der Gründe dies, daß es in Sprockhövel im Haus drei Kleinkinder gab, Hugo, Erika und Gisela. Dadurch war immer mehr Arbeit zu erledigen. Dann gab es den großen Garten, es wurden immer zwei Schweine gefüttert und im Keller stand mindestens eine Ziege. Da war zu füttern und zu melken, es gab Obst und Gemüse zu ernten und einzukochen. Die ganze Thierhoffs-Sippe war außerdem sehr sparsam. Hatte doch der Großvater als Bergmann mit einer Riesenfamilie mit acht Kindern ein Eigentum für die Seinen geschaffen. Da mußten die Pfennige zusammengehalten und es durfte nichts verschwendet werden. Ich erinnere mich, daß ich einmal - ich war etwa fünf Jahre alt - der Oma helfen wollte, Kartoffeln zu schälen. Daß ich das nicht allzu sparsam machte, versteht sich von selbst. Doch da kam ich beim Opa schlecht an. Er hat sehr mit mir geschimpft, daß ich soviel wegschnitt. Diesen Opa habe ich nur als sehr ernsten und strengen Mann kennengelernt der, wenn wir am Tisch saßen, die Peitsche neben sich liegen hatte. Ich habe zwar nie erlebt, daß er sie benutzt hätte, doch die Drohung reichte allemal, uns Kinder in Schach zu halten. Heute sehe ich diesen Opa auch mit anderen Augen. Er muß in der Zeit, an die ich mich erinnere, schon sehr krank gewesen sein, denn er ist schon am 5. Mai 1925 an Magenkrebs gestorben. Wenn man von Durchholz nach Sprockhövel ging, mußte man erst einmal den Berg herunter, auf dem das Schulhaus lag, kam dann durch einen Wald auf die Straße, die ins Hammertal führte ( Hammertal übrigens deshalb, weil dort unten einige wassergetriebene Schmiedehämmer arbeiteten ). Bis ins Hammertal gings bergab, und von dort, wo manchmal bei Tante Lina erst Station gemacht wurde, stieg das Gelände wieder an bis zur Bergstraße 42 dem großelterlichen Besitz.Diesen Weg von Durchholz nach Sprockhövel haben Mama und ich einmal am Abend vor Totensonntag gemacht. Daß ich mich daran noch so gut erinnere, liegt wohl daran, daß erstens ganz fürchterliches Regenwetter herrschte, dann war es schon finster, und wir mußten an dem düsteren Wald vorbei, in dem es ständig knackte und raschelte. Ich bin fast den ganzen Weg gerannt, nur um möglichst bald wieder zu Menschen zu kommen. Den Wald übrigens, den ich im Späthernst so unheimlich fand, liebten wir im Sommer sehr. Wir spielten dort die herrlichsten Spiele, bauten Hütten und Unterstände. Und noch heute sehe ich meine Oma den Berg herunterkommen, die Halbschürze hochgebunden, gefüllt mit Butterbroten und Getränken, um uns zu versorgen. Wir sollten doch unsere Spiele nicht unterbrechen müssen, nur weil wir Hunger hatten.

Wer mich heute kennt, wird mir kaum glauben, daß ich bis etwa zu meinem elften Lebensjahr ein sehr mageres und blasses Kind war. Meine Eltern, beide nicht gerade schlank, sagten oft, daß sie sich fast schämten, sich mit mir sehen zu lassen, weil es so aussah,als äßen sie mir alles weg und ließen mich hungern. Nach einem Besuch bei Doktor Watermann, unserem Hausarzt, meinte dieser, man sollte mir mal Höhensonne geben. Das geschah, und siehe da: Ich nahm zu und wurde rundlich, für meine Begriffe viel zu rundlich, doch meine Eltern waren zufrieden.

Am 30. Juni 1930 wurde Papa von der Zeche " Fürst Hardenberg " zur wesentlich größeren Schwesterzeche " Minister Stein " in Eving versetzt. Die Konsequenz war, daß wir schon recht bald erneut die Wohnung wechselten. Diesmal zogen wir - und das war das erste Mal nach Datteln - in die erste Etage eines Hauses, und zwar an der Bergstraße 39 ein. Im Erdgeschoß wohnte das Ehepaar Hoffmann, dem schon kurz nach unserem Einzug ein Sohn geboren wurde. Herrn Hoffmanns Vater war im diplomatischen Dienst in St. Petersburg gewesen, und sein Sohn wurde von einer französischen Gouvernante erzogen. Das umgab ihn für uns, die wir ja aus einfachsten Verhältnissen kamen, mit einem Nimbus, der allerdings einige Jahre später zerstört wurde, als ausgerechnet diesem wohlerzogenen Mann ein Mißgeschick passierte. An der Mittagstafel anläßlich der Feier meiner Konfirmation rutschte ihm eine Schüssel mit Gulasch aus der Hand und der Inhalt ergoß sich auf das blütenweiße Tischtuch.

Für mich hatte sich von Eving aus der Schulweg erst einmal um einige Straßenbahnhaltestellen verkürzt, und außerdem gab es jetzt zwei Linien, mit denen ich fahren konnte. So wurde auch die Wartezeit erheblich verkürzt, wenn ich einmal eine Bahn verpaßt hatte . Zu unserer neuen Wohnung gehört nur ein ganz kleiner Garten. Da gab es in der Mitte einen Springbrunnen, rechts und links davon inmitten einer Rasenfläche je ein Sauerkirschbaum, und rundherum, vor der Mauer, die das Grundstück umschloß, ein paar Beerensträucher.Für uns, die wir immer an Gemüse aus dem eigenen Garten gewöhnt waren, war das eine Umstellung. Da konnte man nicht mal eben ein paar Möhren aus dem Garten naschen, oder Erbsen oder Radieschen!Die größte Umstellung allerdings gab es für Mama, die nun alles Gemüse vom Markt holen mußte. Im Herbst jedoch fuhren die Bauern mit großen Leiterwagen voll mit Weißkohl von Haus zu Haus, und der wurde dann zentnerweise, der Zentner für 2 Reichsmark, eingekauft und mit viel Mühe zu Sauerkraut verarbeitet.Da mußte der Kohl erst einmal sehr fein geschnitten werden - fortschrittlichere Haushalte hatten dafür einen Kohlhobel, der auch wohl mal ausgeliehen wurde. Dann kam die schwerste Arbeit: In einen großen Steintopf wurde eine Lage Weißkohl gegeben, darauf streute man reichlich Salz, und dann mußte geknetet werden, bis auf dem Kohl eine Schicht Wasser stand.Dann kam wieder Kohl und Salz, und wieder wurde geknetet bis die Masse mit Flüssigkeit bedeckt war, und so ging das fort, bis der Steintopf voll war. Nun wurde ein sauberes weißes Leinentuch darübergebreitet, darauf kamen Hozbrettchen, die die ganze Fläche bedecken mußten, und obenauf, um das Ganze zu beschweren kam noch ein schwerer Pflasterstein. Danach mußte wöchentlich einmal alles abgewaschen werden, was oberhalb des Kohls war, und dann wurde alles wie vorher bedeckt. Im Winter gab es dann köstliches Sauerkraut. Schlimm nahm die Arbeit des Einstampfens die armen Hände mit. Da wurden die Knöchel rot und schmerzten, und manchmal mußte einer abgelöst werden , weil die Haut schon so angegriffen war, daß das Salz in den Wunden wie Feuer brannte. In derselben Weise wurden auch Stangenbohnen haltbar gemacht. Die mußten vorher geschnippelt werden, und dann kam die gleich Prozedur wie beim Kohl. Vorräte schaffte man aber auch, indem man beispielsweise Bohnen an langen Schnüren aufreihte und trocknete; gelbe Bohnen aber auch Pflaumen wurden mit Essig und Zucker süßsauer eingelegt. Jede tüchtige Hausfrau sorgte im Herbst schon für den Winter, denn das Angebot an Gemüse war im Winter mehr als dürftig. Meine Eltern sorgten im Herbst auch immer für einen großen Apfelvorrat. Und so schlimm es auch gewesen wär, wenn wir Kinder mal Süßigkeiten genascht hätten, so selbstverständlich war es andererseits, daß wir uns über den Apfelvorrat hermachten. Papa sagte manchmal halb im Scherz: " Wir kellern im Herbst für uns 5 Personen 5 Zentner Kartoffeln und 10 Zentner Äpfel ein. Von den Kartoffeln haben wir im Juli noch, doch bei den Äpfeln kann es uns passieren, daß wir für Weihnachten welche zurücklegen müssen, damit für den Weihnachtsteller noch genügend da sind. "

Ich hatte an anderer Stelle schon auf die große Arbeitslosigkeit in Deutschland in dieser Zeit hingewiesen. Im Winter 1931/32 erreichte ihre Zahl die 7 Millionengrenze. Wenn man heute von Arbeitslosigkeit spricht, dann weiß man aber, daß das Existenzminimum auf jeden Fall gesichert ist. Da gibt es die Sozialhilfe, die für das Nötigste aufkommt. Das war damals nicht so. Da gab es bitterste Not bei manchen Familien, und keiner war da ,der half. Mama hatte sich vom Pfarrer die Adresse einer besonders bedürftigen Familie geben lassen. Sie kaufte einen großen Korb voll Lebensmitteln ein und sagte - es muß im Januar 1932 gewesen sein - zu mir, ich solle sie begleiten .Ich ging also mit, und wir kamen bei der angegebenen Adresse, einem kleinen Haus in der Bergmannssiedlung an. Es war ein bitterkalter Tag als die Frau uns die Tür zu ihrer Wohnung öffnete. Im Zimmer, in dem es eiskalt war, und in dem ich außer einer Bank kein einziges Möbelstück entdeckte, saß ein Säugling, vielleicht zehn bis elf Monate alt nur mit einem Baumwolljäckchen bekleidet mit nacktem Po auf dem eisigen Fußboden. Die Fenster waren dick mit Eisblumen bedeckt. Vier Kinder zwischen zwei und fünf Jahren alt , hohlwangig und nur sehr dürftig gekleidet scharten sich um die Mutter. Diese, die vielleicht dreißig bis vierzig Jahre alt war, sah aus wie sechzig. Ich habe diesen Anblick bis heute nicht vergessen. Und wenn in späteren Jahren von Armut die Rede war, dann hatte ich immer dieses Bild vor Augen . Ich glaube nicht, daß es heute noch in Deutschland dieses Maß an Armut gibt.

Die große Arbeitslosigkeit in dieser Zeit barg auch eine große Menge an politischem Zündstoff in sich und es war kein Wunder, daß die Parteien, die den Grund dieser Misere im Versailler Vertrag sahen, immer mehr Zulauf bekamen. Wenn ich von der Schule heimkam, mußte ich mit der Straßenbahn immer durch den Dortmunder Norden. Und da sah ich dann die politischen Aufmärsche, aber noch viel öfter die Hungermärsche, von den Arbeitslosen veranstaltet, die dann im Sprechchor riefen : " Was haben wir Arbeitslosen ? H u n g e r ! Was wollen wir Arbeitslosen: A r b e i t und B r o t ! " Etwas später dann erlebte ich hautnah einen politischen Mord. In einer Gaststätte in unserer Nachbarschaft sollte eine Versammlung der NSDAP stattfinden. Schon am frühen Nachmittag fiel uns auf, daß ungewöhnlich viele Menschen auf der Bergstraße auf und ab gingen. Mama bestimmte, daß wir das Haus nicht verlassen durften. So hielten wir uns weitgehend in den Zimmern zur Straße hin auf. Papa hatte in Dortmund zu tun, und wir waren schon in großer Sorge um ihn. Die Menschenmassen wurden immer mehr, und einige Male beobachteten wir, daß plötzlich die Straße wie leergefegt war, nachdem wir vorher ein paar laute Pfiffe vernommen hatten. Alle hatten sich in Vorgärten oder Hauseingängen versteckt, und dann kam eine Polizeistreife, die natürlich keinen Grund fand, einzugreifen. Sobald die Streife wieder weg war, war alles wie zuvor. Gegen Abend, kurz bevor die Versammlung beginnen sollte, kam, für uns deutlich sichtbar, ein einzelner Mann von links die Straße herauf. Daß er ein kleines Hakenkreuz am Rockaufschlag trug, konnten wir natürlich nicht erkennen. Doch die Masse hatte das entdeckt, und plötzlich stürzten sich genau vor unserem Haus so etwa 20 bis 30 Menschen auf diesen einzelnen Mann. Sie rissen ihn zu Boden und traten auf ihm herum. Plötzlich wieder, wie auf ein geheimes Zeichen, verschwand die Masse, und die Polizei, die kurz darauf eintraf, konnte nur noch fetststellen, daß da ein Toter lag. Es war ein Sänger , der im Chor des Dortmunder Stadttheaters sang, mit Namen Walter Ufer. Nach ihm wurde dann 1933 die Bergstraße in Walter Ufer Straße umbenannt.

Im Sommer 1932 machten wir zum ersten Mal mit den Eltern gemeinsam Urlaub.Es waren auch für Papa seit 1924 die ersten Ferien. Als Ziel hatten die Eltern den kleinen Ort Altenhellefeld im Sauerland ausgewählt, und zwar wohnten wir beim Bauern und Gastwirt Baulmann. Der hatte etwa 12 Fremdenbetten und weit über 100 Schweine. Das war wohl für Papa, der immer gern Fleisch aß, entscheidend, denn er vermutete, daß man dort gutes Essen bekäme. Und damit hatte er Recht, das Essen war gut und reichlich, es gab zu jeder Mahlzeit eine Menge Fleisch, wovon Papa noch nach Jahrzehnten schwärmte. Was weit weniger angenehm war, und was Mama manche Nacht die Nachtruhe gekostet hat, waren die Flöhe, die offensichtlich hier Hausrecht besaßen. Es war ärgerlich, doch hat es uns insgesamt die Freude an diesem Urlaub nicht vergällen können. Wir machten weite Wanderungen, und Mamas Adleraugen entdeckten neben Unmengen von vierblättrigen Kleeblättern etwas, was viel interessanter aber auch nahrhafter war: nämlich massenhaft Walderdbeeren, aber vor allem Blaubeeren.Wir kamen von jeden Spaziergang mit blauen Mündern und Zähnen zurück. Es war köstlich! Doch eines Tages wurde das Pflücken der köstlichen Früchte beinahe zur Arbeit, denn Mama, die immer darauf bedacht war, Vorräte zu schaffen, hatte beschlossen: wir pflücken einen Eimer voll, schicken den dann zu Tante Emma, die ihn liebenswerterweise zu Kompott und Marmelade verarbeitet. Und so geschah es: Im Winter haben wir dann genüßlich verzehrt, was wir im Sommer gesammelt hatten.

Da ich gerade von Urlaub berichte, erinnere ich mich noch einmal an zwei Jahre vorher. August war 1929 in der Rothkirch-Kapelle im Dortmunder Norden konfirmiert worden. Diese Gemeinde unterhielt zwei Jugendferienlager, eins für Jungen in Darßer Ort auf Rügen, und eins für Mädchen in Hilgert im Westerwald. 1930 hatten meine Eltern August und mich für diese Freizeiten angemeldet. So fuhr August für vier Wochen nach Rügen, ich jedoch in den Westerwald.Da gab es eine Menge Neues für mich. Als eben Elfjährige war ich die Jüngste von etwa 40-50 Mädchen. Wir wohnten in einer alten Villa mit ihren Nebengebäuden direkt am Wald. Um alle unterbringen zu können, war noch eine Baracke dazugestellt worden, in der sich ein großer Schlafsaal befand. Geleitet wurde die Freizeit von zwei jüngeren Damen, die alle Hände voll zu tun hatten, uns zu beschäftigen und zu beaufsichtigen. Die sanitären Verhältnisse waren, gemessen am heutigen Standard, katastrophal . So sehe ich immer nur die zwei im Freien befindlichen Toiletten ohne Wasserspülung vor mir. Die aufzusuchen war vor allem Abends manchmal recht abenteuerlich. Da hatten sich nämlich Fledermäuse eingenistet und flatterten ganz entsetzlich, wenn sie gestört wurden. Ich habe in Hilgert zum ersten Mal in meinem Leben entsetzliches Heimweh gehabt, und das hat mir die Zeit ziemlich schwer gemacht, obwohl man uns reichlich Abwechslung bot. So hatten wir Töpfereien besichtigt, in denen die Pfeifen für die Stutenkerle hergestellt wurden, wir befanden uns ja mitten im " Kannebäcker Land ". Wir waren nach Koblenz gefahren, wo es sehr viel Neues und Interessantes zu sehen gab. Es wurden Spiele gemacht, Theater gespielt usw. Trotz allem war ich heilfroh als die Zeit vorüber war, und ich wieder bei Papa und Mama sein konnte.

Doch nun zurück ins Jahr 1932. Und da muß ich noch einmal unsere kleine Nelly erwähnen. Wie schon gesagt, verbrachten wir alle Feiertage bei den Großeltern,. das hieß: Samstagnachmittag fahren und Montagabend zurückkommen. Nelly konnten wir leider nicht mitnehmen, und so stellten wir ihr reichlich Futter und Wasser hin und sperrten sie in der Küche ein. Wenn wir dann Montagabend zurückkamen, stürzte sie uns entgegen, begrüßte jeden mit stürmischen Liebesbezeugungen , wartete bis wirklich ausnahmslos alle da und gebührend begrüßt worden waren, und dann, erst dann stürzte sie sich auf das unberührte Futter und fraß in einem Zug auf, was für 2 1/2 Tage bestimmt gewesen war.

Das Haus in Eving lag zwischen zwei Straßen, die im spitzen Winkel aufeinander zu liefen. Die Spitze diese Dreiecks war ein freier Platz, auf den ich von meinem Schlafzimmerfenster schauen konnte. Am Fronleichnamstag wurde hier der Hauptaltar aufgebaut, und wir beobachteten dann die Zeremonie. Das war für uns Kinder die erste Begegnung mit Riten einer anderen Glaubensgemeinschaft. Fassungslos sah ich einmal, wie trotz Regen und völlig aufgeweichtem Untergrund die Masse sich auf die Knie niederließ, als die Glocke zur Wandlung läutete.

In der Schule hatte ich keinerlei Schwierigkeiten. Am Ende der Quarta bekam ich als beste Schülerin meiner Klasse eine Schulprämie, einen Fotoapparat.Nun mußte ich mich auch entscheiden, ob ich mal Abitur machen wollte, oder mich mit der mittleren Reife zufrieden gab. Die Entscheidung fiel zugunsten des Abiturs, und so besuchte ich von da an die Realgymnasial-Studienanstalt, einen Zweig des Schillerlyzeums. Wir bekamen einen neuen Klassenverband. Aus den ehemals drei Sexten wurde nun eine SU III mit ca 20 Schülerinnen , und eine LU III mit etwa 30. Da gab es eine Reihe neuer Mitschülerinnen , einen neuen Klassenlehrer- unseren sehr verehrten Studienrat Paulußen - und eine neue Fremdsprache: Latein. Wir wuchsen schnell zu einer neuen Gemeinschaft zusammen und verstanden uns untereinander recht gut. Als einzelne waren wir wohl auch für die Lehrer erträglich, doch als Klasse für manchen unausstehlich.Da wurden immer wieder Streiche ausgeheckt. Wenn es im Sommer heiß war, dann kannten wir genau das Thermometer, auf dem um 10 Uhr 24 Grad erreicht sein mußten, damit es um 12 Uhr hitzefrei gab.Und so manches Mal haben wir noch kurz vor zehn Uhr nachgeholfen. Besonders gereizt hat uns eine Referendarin . Sie forderte uns durch ihre Art geradezu heraus, ihr einen Schabernack anzutun. Wenn ich heute an sie denke, dann möchte ich sie immer wieder um Verzeihung bitten für das, was wir ihr angetan haben. Sie war so hilflos und so nervös. Außerdem anscheinend auch nicht mit irdischen Gütern gesegnet, denn sie trug Tag für Tag dasselbe Kleid, eines das mit zahllosen kleinen Knöpfen vorne verschlossen war, von denen sie in jeder Stunde vor lauter Nervosität mindestens einen abdrehte. Ihr nun spielten wir die ärgsten Streiche. Es war uns nicht gestattet, in den Pausen im Klassenzimmer zu bleiben, und selbst bei größter Kälte mußten wir den Schulhof aufsuchen. Um das zu kontrollieren ging immer eine Lehrkraft in der Pause durch alle Klassenzimmer. Nun war es mal wieder ganz besonders kalt, und ein paar von uns waren einfach in der Klasse geblieben. Vor den strengen Augen der Aufsicht hatte sich eine im Klassenschrank versteckt . Zum besseren Verständnis muß ich nun erklären, wie das Klassenzimmer aussah: Man betrat es vom Flur auf dem letzten Drittel einer Längsseite . Rechts von der Tür befand sich ein Heizkörper. Dann kam die Querseite: Da stand zuerst einmal der Klassenschrank, dann war da eine Tafel auf einem Ständer, als nächstes kam das Lehrerpult, hinter dem sich ebenfalls an der Wand eine Tafel befand, nun ein Ständer, um Landkarten daran aufzuhängen, und dann war man an der anderen Ecke. Die zweite Längsseite war eine Fensterfront zum Hof. Hier schauten wir auf die Gebäude der "Dortmunder Thier-Brauerei ", wo wir immer eine große Uhr sehen konnten und damit genau wußten, wann eine Stunde sich dem Ende zuneigte.( Armbanduhren kannten wir da noch nicht ) Den Rest des Klassenraums füllten unsere Tische und Bänke. An diesem kalten Tag nun hielt eine von uns die Schranktür,hinter der unsere Mitschülerin saß, fest zu, bis die Lehrerin im Raum war, sodaß sie nun nicht mehr heraus konnte ohne daß aufgefallen wär, daß sie die Pause im Klassenraum verbracht hatte.Also blieb sie drin. Die Tür, nur angelehnt, bewegte sich im Rücken der Lehrerin hin und her und fesselte unsere ganze Aufmerksamkeit. Mühsam versuchte die Lehrerein, uns irgendeinen Stoff - ich weiß nicht mehr welchen - nahezubringen, doch uns interessierte nur die Mitschülerin im Schrank. Die Referendarin meint plötzlich , da von uns keinerlei Reaktion auf ihre Frage kommt : " Euch ist bei der Kälte wohl der Verstand eingefroren !" Im gleichen Augenblick geht die Schranktür weit auf, und wir lachen und lachen, als ob sie den besten Witz gemacht hätte. Sie ist hocherfreut über diese Reaktion. Ansonsten schleppt sich die Stunde hin. Aus dem Schrank kommt die unmißverständliche Forderung nach einem Taschentuch. Die Banknachbarin meldet sich und sagt, sie sei so furchtbar erkältet und sie fröre so sehr, ob sie sich an die Heizung setzen dürfe. Das wird erlaubt und so bekommt die Schrankinsassin ihr Taschentuch, und wir noch mehr zu lachen, da nun die beiden gemeinsam hinter dem Rücken der Lehrerin ihre Späße treiben.Zum Glück für uns alle dauerte auch damals eine Schulstunde nur 45 Minuten, und die waren irgendwann um. Aufgefallen ist keine von uns.

Einen noch viel böseren Streich spielten wir ihr kurze Zeit später. Unser Klassenzimmer lag in der zweiten Etage, ein Stockwerk tiefer das Lehrerzimmer. Nun hatten wir in der 6. Stunde Unterricht, doch in der Pause vor der 6. Stunde nahmen wir all unsere Sachen und gingen ins Erdgeschoß. Ein Posten, den wir ausgestellt hatten berichtete: " Sie geht nach oben " Da kommt sie in die leere Klasse, schaut nochmals auf ihren Stundenplan, ob sie sich nicht geirrt hat. Nein, die Stunnde stimmt, die Klasse stimmt , sie hat Unterricht in der SU III . Also stürmt sie hinunter ins Direktorzimmer, um den Vofall zu melden.Inzwischen haben wir ein Zeichen bekommen und sind blitzschnell wieder oben, und als sie mit dem Direktor das Klassenzimmer betritt, sitzen wir brav auf unseren Plätzen. Wer da an wessen Verstand gezweifelt hat, ist leicht zu erraten.

Die Tafel direkt hinter dem Katheder animierte uns einmal, ein paar riesengroße Eselsohren anzumalen, die unserem Studienrat Witt, dem Deutschlehrer, haargenau aus dem Kopf wuchsen, wenn er seinen Platz hinter dem Katheder einnahm.

Daß wir immer angehalten wurden im Haushalt zu helfen, erwähnte ich schon. Eine Aufgabe, die uns zufiel, war es, nach dem Mittagessen die Küche wieder aufzuräumen. Dazu gehörte: Geschirr spülen, abtrocknen, Herd putzen und ausfegen. Der Herd hatte eine blanke Platte, die immer wieder mir großem Kraftaufwand auf Hochglanz gebracht werden mußte. Beim Geschirrspülen hatte der eine das Geschirr zu reinigen, der andere mußte es abtrocknen. Dabei wechselten wir uns ab. Nun gab es damals noch nicht die tollen Spültische wie später. Es gab ein Becken, in das die Spülschüssel gestellt wurde, und das Wasser wurde auf dem Herd heiß gemacht . An das Waschbecken war ein Ablaufbrett gestellt. Das lehnte auf dem Rand des Beckens und hatte eine Ständer, mit dem es abgestützt wurde. Dieser Ständer war nicht etwa fest, sondern konnte weggeklappt werden, damit man das Ganze auch wieder wegräumen konnte. Eines Tages nun waren August und ich in der Küche. Die Eltern hatten sich zum Mittagsschlaf hingelegt.Ich hatte schon fleißig abgewaschen, und das Ablaufbrett stand voll mit Geschirr. August, der mich immer gern neckte, hatte mich wieder einmal so weit, daß ich auf ihn losging, und da passierte es: einer von uns stieß an den Ständer des Ablaufbretts und mit riesigem Getöse landete das ganze Geschirr am Boden. Erschrocken standen wir vor dem Scherbenhaufen. Da ging die Tür auf: Papa. Er sieht das Malheur und fragt " Ist noch was heil geblieben ?" Ängstlich zeige ich ihm zwei Teller, die den Sturz unbeschadet überlebt haben. Er nimmt sie, wirft sie auf den Scherbenhaufen und meint." Jetzt lohnt es sich wenigstens , etwas Neues zu kaufen." So war Papa! Er konnte über Kleinigkeiten immer mit einem Lachen hinweggehen und nahm uns damit die Angst.

Weil ich schon vor 1933 dem Bund deutscher Mädchen angehört hatte, wurde ich fast ohne mein Zutun nach der Machtübernahme durch die NSDAP Jungmädelführerin. Ich bekam eine Schar von 20 Mädels zwischen 10 und 14 Jahre alt. Die erste große Bewährungsprobe hatte ich im Mai 1934 zu bestehen. Selbst erst gerade mal 15 Jahre alt hatte ich die Verantwortung für 12 Jungmädel, mit denen ich zur Schlageter-Feier nach Düsseldorf zur Golzheimer Heide mußte. Wir fuhren mit der Bahn nach Düsseldorf, nahmen Quartier in einem riesigen Saal, der mit Stroh ausgelegt war, marschierten dann gegen Abend zum Festplatz "Golzheimer Heide ". Hier waren Unmengen von Menschen aufmarschiert. Alle standen in großen Blocks. Und dann kamen die Redner. Wir standen und standen. Inzwischen war es dunkel geworden, und der Platz wurde von Pechfackeln erhellt. Ich stand und sorgte mich darum, daß meine 12 auch schön zusammenblieben, und dann plötzlich wurden alle Geräusche so unwirklich und gingen immer weiter weg. "Sanitäter "hörte ich noch rufen, und dann weiß ich nichts mehr. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Zelt und Sanitäter bemühten sich um mich . Meine einzige Sorge waren die Jungmädel.Wie ging es mit ihnen weiter ? Es war aber alles so gut organisiert, daß ich sie schon nach kurzer Zeit wiederfand. Sie alle waren heilfroh, mich wiederzusehen, denn sie hatten befürchtet, ohne mich nicht wieder nach Haus zu kommen.

Zu Ostern 1934 machte August Abitur. Er war der jüngste Abiturient seiner Klasse, wurde erst am 8. September 19 Jahre alt. Um studieren zu können, mußte er gleich nach dem Abitur zum Arbeitsdienst. Er kam nach Schlüchtern, in die Nähe von Frankfurt/ Main und mußte bei der Regulierung des Flüßchens Nidda mithelfen. Er war immer groß und kräftig gewesen, doch im Arbeitsdienst bekam er wohl nicht genug zu essen. Er wurde schlank, und Tante Lina , die zu der Zeit noch mit ihrem Mann in Bonames bei Frankfurt wohnte, und die August ein paarmal am Wochenende besuchte , erzählte, daß er immer ganz ausgehungert gewesen sei, und es ihr Freude gemacht habe, zu sehen, mit welchem Appetit er das vorgesetzte Essen verzehrt habe. Daß August in Hessen war, bestimmte mit die Wahl unseres Urlaubsortes für 1934: Hatzfeld/Eder. Wir hofften sehr, daß er uns dort an einem freien Wochenende besuchen könnte. Doch das hat leider nicht geklappt. In der Pension in Hatzfeld gab es eine buntgewürfelte Gesellschaft: Da war zunächst einmal die alte Schauspielerin vom Stadttheater Dortmund, Frau Wendeburg-Ravenau, in jeder Beziehung die perfekte " grande dame " mit ihrem Lebensgefährten, dann den Steiger aus Wattenscheid, der wohl hoffte, in Hatzfeld etwas fürs Herz zu finden, dann noch die Mutter mit ihrem 15-jährigen Sohn, und einen alleinstehenden Herrn, einen Grandseigneur, zumindest habe ich ihn so in Erinnerung, und zum Schluß uns natürlich: Papa, Mama, Karl-Heinz und mich.Bei Tisch gab es dann oft die komischsten Situationen. So hatte es einmal zum Abendbrot unter anderem Ölsardinen gegeben. Die Sardinen waren gegessen, das Öl noch in den Dosen. Plötzlich greift der Steiger zu einer Dose, nimmt sie, setzt sie an den Mund und trinkt das Öl. Frau Wendeburg-Ravenau ganz entsetzt;" Was machen s i e denn da ? " - "Ich, ich trinke das Öl "- " Ja, können sie denn das Öl trinken ? " - " Ja, das ist gut, da hat den ganzen Tag die Sonne drauf geschienen." Entsetzen, Amüsement und Erstaunen hielten sich am Tisch einigermaßen die Waage.

Die durch Hatzfeld fließende Eder, an einer Stelle gestaut,ergab einen perfekten Badeplatz für uns, und da das Wetter meist gut war, haben wir viel Zeit im Wasser verbracht.Doch auch Spaziergänge gehörten zum täglichen Pensum. Mit meinem neuen Fotoapparat ging ich dabei auf Motivsuche. Da begegnete uns ein Schäfer mit seiner Herde. Das ists dachte ich und nahm meinen Apparat. Doch da kam ich schlecht an. Eine Schimpfkanonade brach über mich herein: " Verdammte Stadtlüt, immer wenn se einen sehn , müssen se knipsen, knipsen, knipsen."Ich weiß nicht mehr, ob ich es trotzdem getan habe, ich glaube eher nicht, denn sonst müßte es doch noch irgendwo dieses Foto geben. In der Nähe gab es einen Berg, den zu ersteigen uns besonders reizte. Also ging es eines Morgens los Richtung " Sackpfeife ", so hieß er. Nach geraumer Zeit hatten wir den Gipfel erreicht. Oben gab es einen Turm, den wir natürlich ersteigen mußten. Nach einer ausgiebigen Rast begannen wir dann mir dem Abstieg. Dabei hatten wir uns nicht genau gemerkt, von wo wir gekommen waren, hatten auch keine Ahnung, daß die " Sackpfeife " viele Täler nach allen Richtungen hin hat. Frohgemut wanderten wir zu Tal, wunderten uns unten angekommen nur sehr, daß wir nichts von Hatzfeld entdecken konnten. Doch wir liefen munter weiter, bis wir den ersten Bauern trafen, der uns auf unsere Frage nach Hatzfeld erklärte, daß wir uns in Westfalen befänden, Hatzfeld jedoch auf der hessischen Seite läge.So mußten wir, allerdings nun auf ebenen Wegen, um den halben Berg laufen, und das war noch ein Weg von ein paar Stunden. Genau weiß ich nicht mehr, wie lange es war, doch daß man in der Pension schon seit Stunden auf uns wartete, weil die Mittagszeit längst vorüber war, daran erinnere ich mich noch genau. Auch daran, daß ein Mann, der sich bei der Wanderung uns angeschlossen hatte, als der Bauer uns erklärte, wo wir gelandet waren, seinen Spazierstock fortwarf und sich selbst einfach daneben fallen ließ in einen- zum Glück nicht frischen - Kuhfladen.

Als wir von diesem Urlaub zurückkamen , erwartete uns eine sehr traurige Nachricht: Unsere kleine Nelly war nicht mehr! Wir hatten sie für die Urlaubszeit unserer kleinen Haushaltshilfe in Pflege gegeben. Doch Nelly hatte, weil wir nicht da waren, jegliche Nahrung verweigert und war einfach eingeschlafen. Wir waren alle sehr traurig, hatte sie uns doch 13 Jahre lang begleitet und uns viel Freude gemacht, wenngleich sie spöttisch von anderen der " Schwartemagen auf vier Streichhölzern " genannt wurde. Sie war in letzter Zeit ziemlich dick geworden. Doch auch als Nelly von uns gegangen war, ging das Leben weiter.

Zur Karnevalszeit gab es vom Beamtenverein der Zeche"Minister Stein " im Saal der Gaststätte Bäcker eine Veranstaltung, zu der mich meine Eltern erstmalig mitnahmen. Ich war nun bald 16 Jahre alt, und das war der Zeitpunkt, zu dem es üblich war, die jungen Mädchen langsam in die Gesellschaft einzuführen.Lange vor dem Fest wurde hin und her überlegt, in welchem Kostüm ich auftreten sollte. Hefte wurden gewälzt. Frau Hoffmann half mit ihren Erfahrungen aus. Schließlich war etwas gefunden: ein Pagenkostüm! Lange weiße Strümpfe, eine kurze weiße Hose, darüber ein hellblaues glänzendes eng anliegendes Oberteil, bis zur Taille mit runden Goldknöpfen eng an eng geknöpft, von da aufspringend, die Schöße mit Gaze verstärkt, vorn ein Spitzenjabot. Aus den engen Ärmeln umspielte das Handgelenk ebenfalls eine Spitzenkrause. Dann ging es zum Frisör, und mein Haar wurde auch nach Pagenart frisiert. Ich fand mich todschick, hatte jedoch nicht bedacht, daß ein männliches Wesen, und das ist ja nun mal ein Page, von Männern nicht zum Tanz geholt wird. Außerdem lernte ich ja auch gerade erst tanzen. Trotzdem habe ich mich auf dem Fest amüsiert, denn nun holte ich meinerseits die jungen Mädchen zum Tanz.

In der Schule gab es fast nur noch ein Thema: Tanzstunde ! Es gehörte einfach dazu, und so war auch ich in der Tanzschule " Fritz Conradi " angemeldet worden. Herr Conradi nahm für sich in Anspruch, den Namen "English waltz " In " langsamer Walzer " umgewandelt zu haben, was natürlich voll im Trend der Zeit lag. Und als wir Tango tanzen lernten, da wurde uns der Schrittrhytmus an seinem Namen beigebracht: Fritz - Con - Ra - Di - = kurz - kurz - lang - kurz. Ich habe zwar gelernt zu tanzen ohne mich allerdings jemals dafür zu begeistern.

Nach vielem Bemühen hatte es Mama im Frühsommer endlich einmal erreicht, daß Oma Thierhoff, ihre Mutter, uns besuchte. Sie wollte doch garnicht von zu Hause fort, weil sie sich da unentbehrlich fühlte. Mama hatte sich bemüht, alles auf das beste vorzubereiten, damit sie ihrer Mutter viel Zeit widmen konnte. Zuerst war das ja auch alles wunderschön. Doch schon nach einem Tag wurde Oma ungeduldig: " Ich will wieder nach Haus. Du hast ja keine Arbeit für mich." Wir mußten sie gehen lassen, aber Mama hatte daraus gelernt. Bevor sie Oma das nächste Mal holte, sammelte sie durch Wochen hindurch alle Stopfwäsche. Und siehe da, bis alles wieder heil war, blieb Oma bei uns.

Eines Tages nahm Papa mich zu einer ersten Grubenfahrt mit. Das war ein Erlebnis ganz besonderer Art. Durfte ich doch nun mit eigenen Augen sehen, wovon ich sonst nur erzählen hörte. Da wurde Worte, wie Stollen, Streb, Flöz, Förderband, das Hangende usw. mit Leben erfüllt, und ich konnte in Zukunft allen Erzählungen von Papa viel besser folgen. Seit 1934 gehörte im Sommer immer ein 14-tägiger Landheimaufenthalt zum festen Schulprogramm. 1934 war die Jugendherberge in Iserlohn, hoch über dem Seilersee gelegen, unser Ziel. Wir hatten sachbezogenen Unterricht, machten Wanderungen, lernten dabei auch Kartenlesen und hatten viel Spaß miteinander. Dieses enge Zusammenleben in den Tagen tat dem Gemeinschaftsgefühl in der Klasse sehr gut. Man lernte einander viel besser kennen als in den Schulstunden. Im Sommer 1935 ging es dann mit mehreren Klassen unserer Schule in die Jugendherberge nach Haltern. Eine kleine Gruppe, darunter auch ich, fuhr mit dem Rad dahin und machte auch dann mehrere Radtouren in die Umgebung von Haltern, wobei mir der tiefe Sand, durch den wir auf den Nebenwegen fahren mußten, viel Kummer bereitet hat.In Haltern war u.a. auch die Schulklasse dabei, in der Liesel, die Tochter unseres Klassenlehrers war.Doch der einzige Unterschied, den man zwischen Liesels Verhältnis zum Vater und dem unseren erkennen konnte, war der, daß Liesel häufiger zum Vater kam und sagte: "Vati, gibst du mir Geld ?" was wir natürlich nicht taten. Papa war inzwischen auf " Minister Stein " zum Betriebsführer befördert worden. Ein junger Bergassessor, verheiratet mit der Tochter des Generaldirektors, war auf Papa aufmerksam geworden. Er hatte, ebenso wie Wilhelm Tengelmann seine Zeit als " Hundert-Marks-Assessor " ( So genannt, weil sie, von der Hochschule kommend zunächst einmal eine Stelle für eine Vergütung von 100 Mark pro Monat anzutreten hatten ) auf " Minister Stein verbracht und war, ebenso wie Tengelmann, dann zur Bergwerksgesellschaft Hibernia AG übergewechselt, dieser in die Hauptverwaltung in Herne, der andere - Emil Stein - als Direktor zu den Anlagen "Möller" und "Rheinbaben" mit dem Direktionssitz in Gladbeck.

Wir bereiteten uns gerade darauf vor in Eving das dem Betriebsführer zustehende Haus zu beziehen, das unmittelbar neben der evangelischen Kirche lag und einen wunderschönen Garten hatte, als Papa eines Tages nach Hause kam und sagte:" Wir verlassen Eving, ich habe eine Stelle als Grubeninspektor in Gladbeck angenommen." Ich weiß nicht, was Mama dazu meinte, ich jedoch war maßlos enttäuscht, hatte ich mich doch so sehr auf das schöne Zimmer gefreut, das ich in dem neuen Haus haben sollte, und auf den schönen Garten. Und nun ? Ich sollte gerade in die Unterprima versetzt werden, und dann evtl. ein Schulwechsel ? Ich k o n n t e mich einfach nicht freuen! Was den Schulwechsel anging, da wurde eine Lösung gefunden: Im Sommerhalbjahr sollte ich von Gladbeck mit der Bahn fahren, im Winterhalbjahr wollten Tante Emma und Onkel Wilhelm mich in Mengede aufnehmen. Von da war es leichter zur Schule zu kommen. Nun, das war geklärt. Also fand ich mich langsam mit der Tatsache ab, wieder einmal Abschied nehmen zu müssen von einem Zuhause, in dem ich länger als je zuvor zu Hause gewesen war.
Am 1. April 1936 war es dann so weit! Oma Bormann hatte alles eingepackt. Wir räumten die Wohnung ohne zu wissen, was uns in Gladbeck erwartete.

Als Einzugstermin war der 4. April vorgesehen. Nach Auszug des Vorgängers mußte noch tapeziert und angestrichen werden. Und dann kamen wir zum Bernskamp 15, und ich meinte, ins Paradies zu kommen! Dagegen war alles, was wir vorher bewohnt hatten, mehr als bescheiden! Zuerst einmal das Haus, fast versteckt unter wildem Wein und Glyzinien: Das Treppenhaus, großzügig und weit, das Wohnzimmer, das mit Herrenzimmer und Wintergarten von vorn bis hinten durchs Haus ging. Die Küche mit dem riesengroßen Kombiherd, Kohle und Gas, das große Eßzimmer. Dazu im ersten Stock die herrlich großen Schlafzimmer! Mein Schlafzimmer mit zwei großen Fenstern, davor Voilegardinen, und die Übergardinen auch duftig und zart aus Voile mit einem feinen Blumenmuster! Ich konnte mich nicht sattsehen. Und dann erst der Garten: Vor dem Eingang die große Linde, dann der Steingarten mit herrlichen nie gekannten Gewächsen. Die Anlagen mit dem großen Rosenrodell, die Sträucher und Bäume, Quitten und Mispeln, Eiben und Juniperus. Dann die Laube, der Springbrunnen, der wie eine Grotte gebildet war, wo an drei Stellen aus dem Gestein Wasser herabrieselte, und in der Mitte die Fontäne. Die hohen Ligusterhecken, die einen Freiplatz umstanden, der Rasenplatz, auf dem sich im Sommer weitgehend das Leben abspielte, der Rotdorn, der Flieder. Und erst einmal der Gemüsegarten mit Frühbeet , den vielen Beerensträuchern und viel Platz für alle Arten von Gemüse. Und was das Tollste war: Wir brauchten die Arbeit darin nicht selbst zu tun, denn es gab Opa Riske, den Gärtner, der uns täglich zur Verfügung stand, der im Winter die Koksheizung in Gang hielt und den Koks einschaufelte, wenn er angeliefert wurde, der unsere Kaninchen und Hühner versorgte, kurz, der für alles da war.Opa Riske war ein Faktotum ganz besonderer Art: In der Nähe von Warschau geboren, sprach er polnisch so gut wie deutsch, hatte aus seiner ersten Ehe einen Sohn, Michel, der ab und zu mal bei ihm aufkreuzte. In zweiter Ehe war er verheiratet mit Oma Riske, die aus ihrer ersten Ehe eine Tochter, Frau Bedra hatte, und durch Riskes Vermittlung kam dann deren Tochter Anni zu uns als Hausgehilfin. Sie errichtete ein ziemlich hartes Regiment: Eines Tages , es war gegen 12 Uhr mittags, wollte Papa noch mal eben zum " Schultenhof " in unserer Nachbarschaft gehen. Doch damit war Anni nicht einverstanden: " Nichts da, hiergeblieben, gleich wird gegessen." Und Papa fügte sich und blieb zu Hause. Riskes wohnten in Gladbeck auf der Gildenstraße, dem Wittringer Wald gegenüber. Jeden Mittag kam Oma Riske und brachte ihrem Mann das Mittagessen. Einmal kam ich gerade hinzu, als er an dem Essen herummäkelte. Darauf sie ganz energisch:" Was ich bringe, sollst du fressen." Ihre Sprache war recht derb und da auch sie aus dem Osten - aus Ostpreußen - kam, klang der Satz wesentlich anders als ich ihn hier aufgeschrieben habe, alles viel breiter. Oma Riske war übrigens Expertin im Kartenlegen. Sie hatte das, wie sie erzählte, von einer alten Zigeunerin gelernt. Doch davon später mehr.

Am 20. April, meinem 17. Geburtstag, mußte Papa morgens zur Schachtanlage " Rheinbaben " in Bottrop fahren, die zu seinem Arbeitsbereich gehörte. Wir hatten - wie immer seit 1933- schulfrei , es war ja Hitlers Geburtstag. Ich habe dieses schulfrei am Geburtstag immer sehr genossen. Nun, an diesem Tag nahm Papa mich mit dem Kutschwagen mit nach " Rheinbaben ". Übrigens, der Kutschwagen! Ein Traum: Zwei Vollblüter davor, ein livrierter Kutscher auf dem Bock, und wir in der mit blauem Samt ausgeschlagenen viersitzigen Kutsche. Die Sonne schien, die Natur war in diesem Jahr schon besonders weit voran, sodaß wir unter grünen Bäumen, und - auf Bottroper Gebiet- zwischen blühenden Rotdornbäumen fuhren. Das war ein herrliches Geburtstagsgeschenk für mich, und ich sehe diese Pracht noch heute oft vor mir.

Im Übrigen begann der Alltag wieder. Die Fahrten zur Schule bedeuteten für mich: 6 Uhr aufstehen, 6,30 Uhr zu Fuß vom Bernskamp zum Bahnhof Ost, von wo um 7,02 mein Zug nach Wanne-Eickel fuhr. Hier mußte ich umsteigen in den Zug anch Dortmund Hauptbahnhof. Von da gut 10 Minuten Fußweg, vorbei an der Femlinde, die 1. Kampstraße überquert, an der Petrikirche über den Westenhellweg, vorbei an der Thier-Brauerei zur Schule. Es war immer eine ziemliche Hetze, und ich war oft schon ziemlich müde, wenn ich ankam. Und Mittags gings zurück. Wenn wir 6 Stunden Unterricht hatten, kam ich erst gegen 16 Uhr zu Hause an. Wenn mir allerdings gestattet wurde, 10 Minuten vor Schulschluß zu gehen, dann erwischte ich einen Zug, mit dem ich bereits um 15 Uhr zu Hause sein konnte. Das interessierte die Lehrer im allgemeinen nicht sonderlich. Nur unser Lateinlehrer, Dr. Wellner, bei dem wir zweimal in der Woche eine sechste Stunde hatten, hatte ein Herz für mich. Als er hörte, daß mir 10 Minuten eine ganze Stunde früheren Heimkommens ermöglichten, ließ er mich gehen. In der nächsten Stunde erkundigte er sich, ob alles wunschgemäß geklappt habe. Ich mußte ihn leider enttäuschen. Unser Schulgebäude war nämlich während der Unterrichtsstunden verschlossen, und der Hausmeister mußte für jeden einzelnen extra öffnen. Ihn aber hatte ich nicht finden können, und als ich schließlich am Bahnhof ankam, war mein Zug über alle Berge Die Lehrkräfte hatten natürlich einen Schlüssel für die Haustür, es war nur ein einfacher Vierkantschlüssel. Herr Dr. Wellner gab mir nun seinen , damit mir dieses Mißgeschick nicht noch einmal widerführe So hatte ich als einzige Schülerin ein halbes Jahr lang die Möglichkeit, die Schule zu betreten oder zu verlassen, wann immer ich es wollte. Viel zu schnell gewöhnten wir uns an all die Annehmlichkeiten der neuen Umgebung.Daran, daß jeden Samstag ein Wagen von der Gärtnerei Rheinbaben kam, um verblühte Topfblumen abzuholen und neue zu bringen, daran, daß der Kutschwagen nebst Kutscher zur Verfügung stand, Mama zur Stadt zu bringen oder uns alle am Sonntag in die Umgebung zu fahren. Wir lernten hierbei Kirchhellen, Gahlen, Hünxe oder auch die Schwarze Heide kennen, sahen zum ersten Mal blühendes Wollgras. Auch an den weiten Schulweg hatte ich mich gewöhnt, war es doch Sommer. Manchmal weckte mich schon früh am Morgen der Gesang der Drosseln, die vor meinem Fenster so laut sangen, daß ich , um eine Stunde Schlaf betrogen, schon ärgerlich wurde.Und auf dem Weg durch die Stadt kam ich auf der Hochstraße an der Schwanen-Apotheke vorbei, vor der schon früh am Morgen ein wunderschöner Schäferhund lag. Ich konnte nicht vorbeigehen, ohne ihn anzusprechen und ihn zu kraulen. Nach ein paar Tagen erwartete er mich schon und trottete neben mir her zum Bahnhof, von wo ich ihn dann zurückschicken mußte.

Kurz vor den Sommerferien fuhren wir mit unserer Klasse wieder für 14 Tage ins Landschulheim. Diesmal war es die Jugendherberge in Soest. Mit uns zusammen war je eine Klasse des Lyzeums in Plettenberg und der Schule der Ursulinen in Dorsten. Die 14 Tage verliefen insgesamt ähnlich wie die vorausgegangenen, nur mit dem Unterschied, daß wir inzwischen älter geworden waren und andere Interessen hatten, auch wohl andere Probleme auftauchten. Unser Klassenlehrer war wie immer verständnisvoll und hilfsbereit. Er hatte uns übrigens, als wir Ostern 1936 unsere Versetzung in die Unterprima feierten und ihn dazu eingeladen hatten, erzählt, daß er immer von all unseren Streichen gewußt habe. Einmal, bei dem schlimmen Streich, den wir der Referendarin spielten, habe der Direktor von ihm verlangt, uns zu bestrafen. Er habe das aber nicht fertiggebracht und sich damit die Feindschaft des ganzen Kollegiums zugezogen, so daß er einige Wochen hindurch das Lehrerzimmer überhaupt nicht aufgesucht habe.